René Delavy

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ZEITLOS - (Variation des Guggisberglieds)

 

Der Bauer war etwa 60 Jahre alt. Lebend mitten in den alpinen Bergen - bekannt als Emmental in der Schweiz. Er hatte sein ganzes Leben lang hart gearbeitet mit seinen Kühen und der Landwirtschaft, über all die Jahre, in der Hitze des Sommers, in der Kälte und dem Schnee im Winter, wenn die Blätter von den Bäumen fielen und im Frühling, ein neues Leben in Blüte versprechend.

Der Abend war hereingebrochen, die Sonne ging unter hinter den hohen Bergen, es war wieder Herbst und das Licht brannte hinten im Stall mit all seinen Kühen. Er hatte einen kleinen Tisch hingestellt, nahe bei einem kleinen Fenster, hinaus auf die weite Weide und es war zu einer Gewohnheit geworden, jeden Abend sich hinzusetzen, 365 Tage im Jahr, nach dem Melken von all den 16 Biestern, die er alle sehr liebte, und er lebte sein Leben an der Seite der immer neuen und dann wieder verschwindenden Tiere, die er alle beim Namen kannte sowie ihre Charaktere.

Er liebte seine Tiere doch sehr, am meisten wohl seinen Hund und einige Katzen.

Nur für etwa 10 Minuten jeden Abend, sich ausruhen und die frische Milch trinken, bevor er hinüberginge in sein Bauernhaus um Fernsehen zu schauen. Seine Eltern sind vor langer Zeit gestorben und er war es sich gewohnt allein zu sein, weit weg von allen Städten und den vielen Leuten, bis auch sein letzter Tag bald einmal anbrechen würde um ihn heimzuholen, dahin wo er einst hergekommen war.

Plötzlich verspürte er einen Windhauch hinter seinem Rücken. Er schloss seine Augen für ein Weilchen und versuchte, nicht zu denken. Als er seine Augen öffnete, sass da eine ältere Dame gegenüber am Tisch auf dem zweiten Stuhl, er starrte sie an und begann sehr scharf nachzudenken.

Seine Gedanken gingen zurück, zurück, zurück über Jahrzehnte und plötzlich spürte er wie ein Sprung durch sein Herz ging. Vor langer Zeit hatte er eine Liebesaffäre mit einem Mädchen von einem anderen Dorf, sie liebten sich, sie planten ein gemeinsames Leben, mit Kindern, eine Zukunft die es wert sein würde, gelebt zu werden. Eines Tages war seine Geliebte verschwunden und war niemals mehr zurückgekommen - bis genau zu diesem Augenblick.

Er starrte also in das Gesicht dieses fremden Wesens, er erkannte die feinen Linien die er doch so sehr in Erinnerung hatte aus einer lang vergangenen Zeit, er sah nun wieder ihre Wesensart und war nahe daran, sich zu verlieren und vom Stuhl zu fallen. Die Frau lächelte nur, stand auf, bückte sich zu ihm nieder und küsste ihn auf die Wangen, sehr zärtlich, ihr Herz voller Pein.

Jetzt war es als der Bauer in den Alpen endlich erfuhr, was da vor 40 Jahren geschehen ist, wie das Mädchen von der Nachricht überrascht worden ist, dass sie eilig den Hof verlassen würden um über den Atlantik zu reisen, wo sie eingeladen waren bei einem Farmer zu arbeiten, nur für eine kurze Zeit wie sie glaubten, um dann zu versuchen einen eigenen Hof zu erwerben und da zu leben - und vielleicht eines Tages wieder in die Schweiz zurück zu kehren.

Doch dieser Plan erfüllte sich nie, die Familie verlor ihre Beziehung zur Vergangenheit, nach einiger Zeit konnten sie kaum noch Schweizerdeutsch reden, drüben, dort in Amerika - und die nun erwachsen werdende Frau schien auch alles aus ihrer Vergangenheit zu vergessen, aber jedes Mal wenn sie sich an ihre Liebe der Jugendzeit erinnerte, weinte sie erneut und nie wurde der Schmerz kleiner. Als sie alt geworden war, entschloss sie sich eines Tages über den Ozean zu reisen, heimwärts, nur im ihre Liebe wieder zu sehen, ihm zu sagen was damals geschehen ist und warum sie so plötzlich nicht mehr da war. Es war ein letzter Versuch, das Geheimnis des Lebens nicht zu verlieren, wenn es doch zerbrochen war ohne Wiederkehr.

Wer weiss wie lange ihre Liebe gedauert hätte, wenn sie zusammen hätten leben können, mit all der Arbeit, Krampf, Kindern, Gewohnheiten der Zeit, immer derselbe Sex - und die ausserordentliche Situation aus der Sicht zu verlieren, jung zu sein und voller Lebenserwartungen - wie es doch immer geschieht mit der sogenannt "wahren Liebe". --- Die Wirklichkeit ist niemals so hoch wie die Träume darüber, wie das Leben sein könnte.

 

Nach einem Weilchen der Stille kam sie wieder um den Tisch herum, küsste ihn dieses Mal auf den Mund, sehr zärtlich, Tränen flossen bei den Zwei aus ihren Augen, sie hielten sich fest während einem sehr langen Augenblick - und dann ging sie aus der Türe und nie wieder bis zu ihrem gemeinsamen Tod kam sie zurück.

Der Mann bleibt noch ein Weilchen wie wenn nichts geschehen wäre, nun wirklich alt geworden, und noch einige Jahre gingen durch das Land, umgeben von seinen Tieren, hoch oben im verflossenen Emmental - und die Zeit kam, als auch sie ihre Tage beenden würde - drüben in Amerika.

 

Geschrieben am 4. Februar 2011

 

 

 

 

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