René Delavy

Sonderbarer Traum - 'Das Geländer'

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Sonderbarer Traum - 'Das Geländer'

Sonderbarer Traum - 'Das Geländer'

Ein schmaler Wanderweg führt über das Land - alles ist wie in einem Bild von Raffael - das pure Arkadien des Südens. Weit hinaus geht der Blick, hinein in eine bizarre Landschaft, alles getaucht in helles Licht, das Auge schweift über die Haine von Bäumen, Rebberge in den nahen Hügeln, in der Ferne ein hellblaues Meer und darüber ein Himmel wie von einem anderen Stern.

Plötzlich endet mein Weg vor einer Felswand - sich nach unten verlierend - doch der Weg ist nicht zu Ende, denn eine Treppe mit einem sehr dünnen Geländer ist in die Felswand gehauen und geht rund um Klippen down in die Tiefe. Ich gehe vorwärts und halte mich am schmalen Eisenstreifen fest, der mich wohl vor dem Sturz in Nichts aufhalten soll.

Die Phantasie sieht sofort, dass es nichts braucht - und man verfehlt eine Stufe und fällt unter dem Geländer durch in die Schlucht, die zum Meer hin noch offen ist. Irgendwie denkt man: "Was würde hier ein Kind tun, mit diesem Weg, wo der Mensch jederzeit in den Tod abdriften kann - oder ein furchtsames Weib, das sich schon beim Anblick eine Biene ins Hemd macht?" - Doch ich bin ein starker Mann, klammere mich an den beinahe Draht-dünnen Faden, um mir einzubilden, auf diese Weise etwas Halt zu bekommen.

Es ist komisch, dieses Geländer führt weiter unten immer mehr weg von der Felsentreppe und ich muss mich entschliessen - entweder ohne Geländer weiter nach unten stolpern oder sich immer mehr nach aussen gegen das Geländer lehnen. Ich ziehe die zweite Möglichkeit vor, in der Hoffnung, das Ding komme wieder näher zur Wand.

Diese Annahme war ein Fehler, denn plötzlich verliere ich den Halt auf der Treppe - und hänge am Faden über dem Abgrund. Was tun? Nach oben und zurück geht ganz offensichtlich nicht mehr. Also das Bein über den Draht geschwungen und langsam nach unten sich fortbewegen, immer wieder um neue Felsklippen herum ruckartig vorwärts. Die sich nach innen biegende Wand verhindert, dass man den Fortgang und das Ende des Weges respektive der Treppe erkennen kann.

Die Kräfte lassen nach und zudem scheint der Boden der Schlucht nicht näher zu kommen. Ganz im Gegenteil weitet sich der Horizont immer weiter aus, entfernt sich auch noch der Grund und verliert sich allmählich ins Bodenlose. Nach einer Weile hänge ich immer noch am Faden, die Felswand ist kaum mehr sichtbar und rundherum hat sich neu eine gähnende Leere aufgetan.

Allmählich werde ich mir in einer Art von Urangst und Schreck bewusst, dass sich ein leerer Raum ausgebreitet hat, nicht ein luftleerer, zum Glück, doch immerhin eine Weite bestehend aus der Ewigkeit der Zeit und Unendlichkeit des Raumes.

Jetzt loslassen bringt gar nichts, man stürzt ins Bodenlose. Selbst bei Lichtgeschwindigkeit würde es 13 Milliarden Jahre dauern, bis Mensch ins Ende des Alls stürzen könnte. Also hoffe ich, dass ich bald eine Kollision mit einem Kometen oder einem Planeten haben werde, sonst verhungere und verdurste ich hier. Doch die Vernunft sagt mir, dass der nächste Stern vier Lichtjahre entfernt ist, und zudem falle ich ja noch immer nur mit der normalen Fallgeschwindigkeit von etwa 200 km/h… - bis Alpha Centauri sind es noch Millionen von Jahren...

Langsam wird mir klar, dass die Ausweglosigkeit von mir und der Menschheit unermesslich geworden ist - und so entschliesse ich mich zu erwachen.

Der Hund kommt ans Bett, schnuppert an mir, will gekrault sein hinter den Ohren. Er ist sehr alt geworden und seine Augen sind trübe. Ich denke zurück, wie er damals in St. Tropez noch ein ganz kleiner Hund war, voller Leben und Tatendrang - und jetzt ist für ihn der Fall ins Bodenlose schon zu Ende. Und ich selbst habe nur noch einen kleinen Weg vor mir.

Die Menschen sind sich niemals bewusst, dass mit 50 Jahren die Vergangenheit, die nur ein Flash war, bereits ihre Zukunft ist und sie bereits tot sind. Wüssten sie es, sie würden alle versuchen, noch schnell ein ewig-währendes Kunstwerk auf dem Planeten Erde zu hinterlassen, um nicht ins NICHTS fallen zu müssen.

Dies gelingt leider und in aller Regel nur einer einzigen Person aus einer Milliarde. Der Rest ist ein Nichts, die pure Masse des Nichts-Denkens, in Anbetracht des allgemeinen Verreckens dieser Menschheit, die bereits 90 Jahre alt ist heute - und jeden neuen Tag das Zeitliche segnen könnte.

Ich denke, wir alle haben Arkadien samt der Treppe für ewige Zeiten hinter uns gelassen, hängen am losen Geländer und wissen nicht, dass wir schon längst ins Bodenlose des Alls plumpsen - aus purem Wahnsinn, oben auf dem Berg nicht zurückgekehrt zu sein zum Ausgangspunkt innerhalb dieses südländischen Arkadiens.

Und so endet eine schöne Geschichte - und kein Mensch hat auch nur ein winziges Detail davon kapiert.

 

 

René Delavy

geschrieben am 19. Januar 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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