Eine Frau, eine Schriftstellerin und Denkerin, die ich intellektuell sehr schätze, Susan Sontag, hat mit ihrem Buch "Regarding the Pain of Others" im Jahr 2003 auf ihre Fähigkeit zur Weltwahrnehmung aufmerksam gemacht, indem sie offenbar den Lesern mitteilt, dass sie nicht mehr so sehr wie früher glaube, dass die Unterhaltungsindustrie (und ihre Inszenierungen) gewissermassen an die Stelle der Wirklichkeit getreten ist. Sie habe sich sozusagen verabschieden müssen, aufgrund höherer Erkenntnisse, von den systematischen Theorien über den Niedergang der modernen Welt. Die Kritik am Kapitalismus sei durch den Zusammenbruch des kommunistischen Weltmodells in sich zerfallen und das Vakuum werde auch durch alle geschriebenen Texte der Welt nicht aufgefangen, praktisch hätten Schriften keine Wirkung mehr auf das Menschengeschehen dieser Erde.
Hingegen werde im Gegensatz zur Wirkungskraft von Texten der Einfluss von Bildern sehr stark unterschätzt. Es stimme zwar, dass durch die Multiplikation der Geschehnisse auf der Erde über Bilder, von allen Schrecken und Schönheiten, von Kriegen, verlorenen Menschen, Demonstration von Reichtum und Hinnahme von Armut, die Realität als solche darunter begraben werde. Bilder würden trotzdem von Bedeutung bleiben, sie seien im besten Falle sozusagen für die Ewigkeit gemacht, repräsentierten eine unauslöschliche Realität, die im Gedächtnis eben bildhaft registriert bleibe und damit eine gewaltige Wirkung auf den Menschengeist erziele. Niemand könne sich der Faszination von starken Fotographien entziehen, diese Abbildung von Wirklichkeit würde sich im Unterbewusstsein festsetzen und damit unser aller Verhalten allmählich bestimmen - und am Ende positiv oder negativ verändern.
Eine hässliche Realität würde über die Bilder ein Gesicht bekommen und dieses wäre nicht mehr so leicht aus der Welt zu verbannen. Und sie zeigt an einzelnen Fotografien, zum Beispiel zum Vietnamkrieg, was erst über Bilder so richtig verstanden worden sei: die Massaker an der Zivilbevölkerung, das Betroffensein der Zivilbevölkerung, von Kindern und Alten, und wie damit allmählich das Bewusstsein und die Haltung zum Krieg in den USA verändert werden konnte.
Sie hat mit dieser Theorie über die Wirkung von Bilder durchaus recht, alles was sie sagt und schreibt ist unwidersprochen hinzunehmen. Sie ist zu intelligent, um sich hier Fehler nachweisen zu lassen. Wäre auch schade, denn, wie gesagt, sie ist in meinen Augen eine der realistischsten Denker dieser Welt.
Doch sie setzt sich meinen Theorien diametral entgegen die besagen, dass nur die geschriebene (nicht die gesprochene) Sprache eine Bewusstseinsänderung von Dauer bewirken kann. Bilder seien viel zu schwach um die Realität zu erklären, weil das Chaos des Seienden dermassen kompliziert ist, dass es nicht den einzelnen Hirnen zu überlassen ist, selbst anhand von Bildern verstehen zu wollen, in welcher Welt wir leben und wohin die Reise geht.
Ich will nun folgende Thesen aufstellen um zu erklären, warum nur die Sprache, die Philosophie, der Menschheit eine Chance gibt, um den Turnaround in eine lebbare Welt noch zu schaffen, und nicht mit den abgelichteten "Wirklichkeiten" dieser Welt.
1. These - Bilder erklären gar nichts
Wir sehen ein nacktes Mädchen, das in Richtung der Kamera rennt. Sie ist verzweifelt, ausser sich, sie versteht die Welt nicht. Hinter ihr einige GI's, die das Geschehen teilnahmslos betrachten, mit ihren Waffen in den Händen. Erklärt dieses Bild den Krieg in Vietnam? Wird klar, warum die USA diesen unsinnigen Ideologiekrieg, basierend auf einer irren Dominotheorie vom Zaun gerissen hat? Wie viel Willkür dahinter steht, wie viel Dummheit und wie viel einfach Pech war, in diesen Krieg hineingezogen zu werden? Man versteht nicht, bei einzelnen Toten, was es bedeutet, wenn über zwei Millionen Zivilisten ihr Leben lassen müssen wegen einer Ideologie der Idiotie. Nichts wird klar, selbst wenn man Zehntausende von diesen Bildern in einem Riesenband zusammenstellen würde. Sie zeigen nicht die Mechanismen der Macht, die Beteiligten, die Schuldigen, die Verursacher, die unschuldigen Soldaten, die sozusagen gezwungen wurden zu töten, vom geistigen Elend vor und nach dem Krieg, von den psychologischen Auswirkungen. Sie erklären den Krieg an sich nicht und sie erzeugen auch kein echtes Mitgefühl.
Spätestens nach dem hundersten Bild in der Zeitung oder am TV ist man übersättigt, nicht mehr fähig, das Geschehen so zu verstehen, wie wenn man selbst davon betroffen wäre. Man kann dies auch von Texten sagen, die über das Geschehen in den Zeitungen berichten, doch immerhin könnten diese Texte all das aussagen über die gelebte Wirklichkeit, die ein Einzelner beim Betrachten von Bildern niemals selbst auf die Reihe bringen kann, wegen fehlender Bildung, Unkenntnis in Geschichte, Geographie, Politik, Kultur usw., also des gesamten Hintergrunds an Gedanken, die nötig sind, damit man ein einzelnes Bild auch nur einigermassen vernünftig ins Weltgeschehen einordnen kann. Bilder erklären alles und nichts. Sie sind ein Stein im Mosaik der Realität, nicht mehr und nicht weniger.
2. These - Wir sehen nicht, was hinter den gezeigten Bildern ist
Man zeige in der Zeitung ein Bild einer Riesenbrücke, eines neuen Tunnels, eines Öltankers, eines Atomkraftwerkes, eines fliegenden Marschflugkörpers, eines brennenden Gebäudes, eines Staatsmannes, der eine Rede hält, von Hitler, wie er an einer Konferenz über das "Judenproblem" spricht, von J.F. Kennedy, wie er mit Generälen über eine Karte gebeugt ist, von Kindern, die mit leeren Flaschen spielen, von Horizonten, die sich hinter anderen Horizonten auftun, von Paradiesen und von Höllen, von lachenden und weinenden Menschen, von Schwerverletzten und von Schönheitsköniginnen, von Frauen im Bergtal beim Heuen, von Künstlern, die ihre Kunstwerke präsentieren, von Fabriken, die verlottert sind, von Bankern, die schreien und Finger in die Höhe halten, von allem und jedem, das auf dieser Welt täglich milliardenfach geschieht und das niemals abgelichtet werden kann. Für jedes Bild das entsteht, sind Billionen von nicht gemachten Bildern zu zählen, die vielleicht aussagekräftiger wären, um uns die Realität zu erklären.
Doch ein einzelnes Bild besagt überhaupt nichts. Wohin und weshalb fliegen die Marschflugkörper, sind die Schönheitsköniginnen wirklich schön oder bilden wir uns dies nur ein, weil sie der Norm entsprechen, sind die Frauen im Bergtal schon tot oder noch am Leben? Was für ein Schicksal haben die Kinder in Zukunft nach dem Spiel mit leeren Flaschen? Warum sind die Fabriken verlottert? War das Management zu dumm, ist die ursprüngliche produktive Idee mit der Zeit auf Grund gelaufen, hat sich die Gesamtwirtschaftslage verändert und warum?
Ein Bild lügt, weil jeder sich darunter vorstellen kann, was er will und wenn ein Bild Millionen von Interpretationen zulässt, die alle samt falsch sein können, dann sehen wir, warum die These, dass Bilder lügen, weil wir nie verstehen, was der Hintergrund eines Bildes ist, absolut haltbar ist.
3. These - Bilder "lügen" immer (ohne Erklärung des Situativen)
Tun auch Texte die meiste Zeit. Es ist klar, dass die Sprache auch benützt wird, um Unwahrheiten zu verbreiten. Alle Politiker und Konzernchefs lügen um zu überleben und wiedergewählt zu werden. Selbst Wissenschaftler lügen immer, weil sie die Konsequenzen ihres Denkens nicht mitdenken. Es ist wahrlich so, dass die meisten Texte, die ich je gelesen habe, fast ausschliesslich gelogen haben. Selbst die besten Romane müssen ein Menschenleben dramatisieren, damit die Handlung interessant wird. Natürlich kann ein Geschehen auch eins-zu-eins interessant sein, Robert Walser hat dies bewiesen, doch in der Regel basieren Romane auf der Phantasiefähigkeit des Autors und so sehen alle erfolgreichen Bücher heute aus, sie werden gekauft, weil sie von der gelebten Realität ablenken.
Und wie ist es mit den Bildern? Lenken sie etwa nicht von der Realität ab und täuschen uns ein Nirwana vor, das in der Realität so nicht existiert? Ich rede hier nicht von den Werbeplakaten, sondern von allen Bildern, Fotografien, die ich je gesehen habe. Sogar ich, wenn ich fotografiere, blende alles Hässliche aus, das ins Bild kommen könnte. Ich schwenke die Kamera so lange über die Landschaft, das Meer, die Berge, die Stadt, das einzelne Objekt, bis mir der Lichteinfall gefällt, alles Unnötige und Hässliche aus dem Bild verschwindet und dann drücke ich auf den Auslöser. Das waren dann meine "schöne" Ferien im wunderbaren, aber in Anbetracht der ausufernden Städte und der misslichen Haltung von allen Tieren durchaus auch hässlichen Andalusien. In der Erinnerung bleibt meist das auf Dias festgehalten Andalusien, das andere, weniger erfreuliche, verschwindet allmählich aus dem Raster der Erinnerung und was bleibt ist nur noch ein Abziehbild von einer gelebten Wirklichkeit.
Wir erleben dauernd das Leben von den Schönen und Reichen. Horden von Frauen kaufen diese Femininheftchen nur, weil sie versinken können in eine traumhafte Scheinwelt. Doch wenn man in der Realität Kontakt bekommt mit dieser High Society, ist man erstaunt: Alle sind äusserst banal, reden wie kleine Kinder, sind kulturell am Boden, sie wollen Selbstmord begehen aus lauter Langeweile, sie sind solche Langweiler, dass jedes Photo von ihrem "interessanten" Leben einfach eine monumentale Lüge ist. Und diese Lügen konsumieren die Verdränger des Tatsächlichen den ganzen Tag, um ihr eigenes Leben bestehen zu können.
Alles, was ich hier sage über die Schönheit, gilt spiegelverkehrt für das Hässliche. Wer will, kann die Arschseite, die Ghettos der Megastädte abbilden, die Leute, die zwischen Eisenbahnschienen wohnen und haufenweise Kleinkinder produzieren. Damit ist nichts gesagt, rein gar nichts. Warum leben die Leute dort, warum sind sie arm, warum haben sie trotzdem haufenweise Kinder, warum soll man Erbarmen haben mit diesen Menschen, wie lebt der Rest der Bevölkerung in dieser Stadt, was machen die Behörden, was die Politiker, was die ausländischen Hilfsorganisationen? Je mehr man darüber nachdenkt, umso verzweifelter wird man, weil mit jedem zusätzlichen Hirnpotenzial die Problematik grösser und verrückter wird und am Schluss muss man die ganze Denkerei fallen lassen, sonst geht man dabei zugrunde.
Deshalb ist die Wirklichkeit auch nicht über die einzelnen abgebildeten und beschriebenen Geschehnisse zu erklären, sondern nur fundamental, über das gesamte Denken und Handeln als Kollektiv in dieser Welt. Wer meint, er müsse nur Millionen von Geschehnissen auf die Menschheit los lassen, in Bildern oder im Text, verwechselt Quantität mit Qualität. Statt aufzuklären wird eine Wirrnis gestiftet, aus welcher kein Mensch herausfinden kann. Genau dies nämlich ist unser heutiges Menschheitsproblem: Vor lauter Details und Informationen verstehen wir gar nichts mehr; sogar die Politiker, die Führer dieser Welt sind hoffnungslos verloren und wissen noch nicht einmal mehr, wie sie denken sollen. Sie tun so, als wüssten sie alles und dabei wissen sie immer weniger von der realen Begebenheiten auf dieser Welt. Nein, Bilder helfen hier nicht. Das Einzige, das hier noch helfen kann ist eine umfassende Philosophie über das Neuverstehen von Wirklichkeit, indem alles Fehldenken in Thesen zusammengefasst wird und man von den Fehlern auf deren Auswirkungen schliessen kann, um dann schliesslich jene Massnahmen ergreifen zu können, die die bedeutendsten Fehler, die in unseren Systemen geschehen, für die Zukunft zu vermeiden.
4. These - Bilder verfälschen die Realität
Wir sehen Bilder eines Flugzeugs das in das World Trade Center in New York donnert. Was sehen wir? Wir sehen gar nichts! Was sind das für Flugzeuge, wem gehören sie, wer steuert sie, ist alles ein Unfall oder ein Terroranschlag, aus welchen Gründen machen die Terroristen Selbstmord, sind sie überhaupt Terroristen oder reagieren sie nur auf einen anderen unsichtbaren Terror? Es hilft nichts, dass auch die Texte, vor allem in den USA, nach diesem Geschen gottslausig waren. Die Bilder zeigen nur, was passiert ist, erst der Kommentar und die Analysen zeigen auf, warum so etwas geschehen konnte, nicht nur wegen fehlender Voraussicht oder Sicherheitssysteme, sondern vor allem wegen den politischen und wirtschaftlichen Implikationen, der kulturellen Komponenten, die den Hintergrund zu solchem Geschehen liefern. Hier braucht es eine schriftliche Analyse, die ganze Bücher füllen kann. Und selbst diese Analysen sind wertlos, denn sie besagen nur, in welchem Umfeld etwas geschehen konnte.
Dass die Welt aber so gestaltet ist, dass diese Taten geschehen m u s s t e n, dass also keine andere Chance bestand, als in dieser Welt solche und noch viel grössere Katastrophen hinzunehmen, dies wird im besten Fall über eine fundamentale Philosophie über das Jetztsein in diesem Chaos geschaffen, genau das, was ich in allen Texten versuche. Es wird nie etwas Nützliches zur Veränderung unseres Daseins und zur Verminderung der Wucht kommender Menschheitskatastrophen geschehen, wenn man nicht in grundlegender Weise versteht, warum alles geschieht und wie alles geschieht und weshalb der Mensch so denkt, dass dies alles folgerichtig geschehen muss, unausweichlich, weil es angelegt ist in den Denkstrukturen der heutigen Menschheit. Ist wirklich nicht schwer zu verstehen. Schwer ist es allenfalls, diese Philosophie des Neudenkens und des fundamentalen Verstehens zu entwickeln, weil es nicht möglich ist, diese Theorie in zwei Sätzen herunter zu spulen, sondern es braucht eine ganze Serie von Büchern bis wenigstens ein Teil des Chaos geklärt sein wird.
Selbst dann werden immer noch Lücken offen bleiben, aber wenigstens hat einer versucht, das Unmögliche, das Bilder nie schaffen werden, in einer Sprache, die jeder versteht der lesen kann, zu erklären, in die Gehirne von Menschen zu bringen. Mehr ist nicht möglich. Hier sind wir an der Spitze des Möglichen angelangt. Denn selbst denken, das Chaos selbst denken, kann kein Mensch. Ohne Genie geht hier gar nichts. Nicht dass ich ein Genie wäre, das ist nicht der Sinn meiner Aussage. Der Sinn meiner Aussage ist es, dass selbst Millionen von Menschen, die vorkonditioniert denken, nie und nimmer auf Theorien hin zum Ausweg aus dem Schlamassel kommen werden - ich spreche hier von weit über 99 Prozent der heutigen Menschheit!
Schlussfolgerung
Ich sage ja nicht, dass man überhaupt keine Bilder mehr machen sollte. Sie sind nützlich, damit wir überhaupt verstehen, was im Einzelnen vorgefallen ist. Was bereits besagt, dass ein Bild ohne Text wertlos ist, ausser man betrachte es als Dekorationsmaterial, wie ein schöner Sonnenuntergang über dem Meer, wo kein Mensch wissen will, über welchem Meer und an welcher geographischen Stelle und an welchem Tag diese Sonne untergeht. Kann man auch bewundern, wenn man will. Aber nicht in Sinne von Susan Sontag, die meint, dass Bilder vielleicht einmal bedeutender würden beim Verstehen von Wirklichkeit als die Sprache.
Hier irrt diese sehr intelligente Frau gewaltig. Sie erhebt den Anspruch, die Realität verstehen zu wollen und verrennt sich in zeitgeistiges Sinnieren über eine Wirklichkeit, die sie selbst nie verstehen wird. Sie versteht nur, was gerade heute und jetzt in dieser Gesellschaft scheinbar geschieht auf dieser Erde. Und dies ist keine Realität, sondern nur ein Blitzlicht auf sie. Die Realität versteht man nur als fundamentale Denkkonstruktion eines Planeten, wie er sich aus der Entwicklung in der Vergangenheit in die Gegenwart hinein entwickelt hat und aufgrund unserer Systeme sich in die Zukunft entwickeln wird. Hier mit Bildern Klarheit schaffen? Reinstes Illusionstheater! Beginnen wir endlich, die Welt wirklich verstehen zu wollen, über gescheite Texte, nicht allein über ihre bildhafte Ablichtung.