René Delavy

Obersalzberg

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Obersalzberg

Obersalzberg

Eine seltsame Geschichte - "Der Obersalzberg"

 

Es kam mir wie ein Traum vor, diese Geschichte, die mir nachts zugeflogen kam.

Ich träumte vor mich hin:

Über das Land war ich hergekommen, aus dem Nirgendwo, über die Hügel und die Berge und stand nun oben auf dem letzten Berg vor dem Meer. Tief unter mir eine riesige Stadt mit vielen Gassen und einer einzigen sehr breiten Strasse in der Mitte. Auf dieser Strasse lag ein gigantischer Haufen wie ein Wolkenkratzer, von irgendetwas Unbekanntem, und massenhaft Leute strömten zu diesem Etwas und das verzweifelte Geschrei war zu hören bis oben auf dem Berg.

Ich stieg hinab und begegnete Völkerscharen, deren Sprache ich nicht verstand. Doch je näher ich diesem Hügel auf der Hauptstrasse kam, umso verständlicher wurde das Gerede, das sich immer mehr zu einem Geschrei der Verzweiflung auswuchs. In der Nähe dieses Riesengebildes angekommen, erkannte ich die Natur dieses Gebildes - es war ein gigantischer Haufen aus Salz, den die Leute "Obersalzberg" nannten.

Einige schrien im Chor: "Woher kommt plötzlich dieser Berg? Er muss weg, aber wir haben nichts um ihn wegzubringen. Wer hilft uns, was sollen wir tun? Mit diesem Berg von Pulver, mitten auf der Strasse, sind wir verloren. Wir sind verloren! - Gott helfe uns!"

Ich staunte, denn ich wusste, woher dieser Salzberg gekommen ist, ich wusste wie es dazu kommen konnte, ich wusste, wie der Berg zu vermeiden gewesen wäre und ich wusste, dass die Leute dies nie begreifen würden.

Und so stand ich selbst vor dem Obersalzberg und staunte mit offenem Munde und musste im Glotzen blöder ausgesehen haben als alle Anderen - doch ich wusste, dass es nichts bringen würde zu schreien: "Ich wusste es----" weil mir kein Mensch zuhören würde und wenn ja, wäre ich wohl auf der Stelle erschlagen worden.

Da erhob sich ein hagerer langer dunkler Mann und schrie - und alles wurde still: "Yes We Can - We shall do it - There is Hope - God is on our Side - We are a great Nation - Yes We Can and We Can Do IT ---- " und anderes so Zeugs und die Leute applaudierten wie verrückt, schrien "Heil - Bin Laden" und andere Glücksbringer und die unübersehbare Masse schien für den Moment etwas ruhiger und besänftigter und einige Männer und Frauen und Kinder gingen zurück in ihre Häuser und dachten wohl: "Nun wird alles wieder gut, der Obersalzberg wird gehen, wie er gekommen ist----"

 

Langsam ging ich den Weg zurück, den ich gekommen war, zuerst durch die Massen, dann die immer leereren Gässchen und schliesslich kam ich in der Höhe ans Ende der Grossen Stadt, hinaus über die Krete oder den Grat des Berges, schaute ein letztes Mal runter auf die Megastadt- und dann ging's hinab ins einsame Land. Nach vielen Stunden gelangte ich an einen verlassenen Hof, doch es gab keine Tiere mehr, keine Kühe, keine Schweine, keine Hühner und keine Menschen. Alles war vor langer Zeit aufgegeben worden und die Bauern waren in die Stadt gegangen, eine Mega-Stadt noch ganz ohne Obersalzberg.

Ich wanderte gemütlich und ohne Hast immer weiter und es blieb einfach nur immer Tag und die Landschaft wurde immer bizarrer und steppenmässiger, keineswegs unschön oder beängstigend, einfach nur fremd. Dann wanderte ich durch ein kleines Wäldchen und in einer Lichtung war da ein Hexenhaus mit kleinen Räumen, alles sehr schön eingerichtet wie eine Puppenstube und ich dachte: "Hier muss ich bleiben, hier muss ich überleben, hier kann ich mir in Ruhe überlegen, was zu tun ist".

Vor dem Haus war ein Acker mit Kartoffeln drin, die zu ernten ich mich anschicken würde, und dort in der Ferne erkannte ich ein Weizenfeld und im Wald hatte ich einige Beeren, Pilze und anderes essbares Zeugs gesehen.

Später kamen einzelne Tiere aus dem Wald und der Steppe, sogar Hunde und Katzen und Vögel, und lebten mit mir in Frieden, Freude, Eierkuchen und machten mein Restleben zu einer paradiesischen Dasein.

Doch das Schönste: In einer Dachkammer war ein wundersamer Sekretär beim Fenster platziert, in den Schubladen fand ich Papier und ein Tintenfass und eine Feder. Ich setzte mich hin und begann zu schreiben:

 

"Es war einmal, vor langer, langer Zeit. Alle Menschen waren Bauern auf dem Lande und ernährten sich von ihren Feldfrüchten und ihren Tieren und waren frohen Mutes und hatten zu essen. Dann kam eines Tages das Gerücht auf, dass in der nahen Stadt alles viel besser sei: Unterhaltung, Kinos, Casino, Bäder, volle Warenhäuser, gute Jobs in Banken und überhaupt ein Leben wie im Schlaraffenland - und so gingen sie alle hin, in die Megastadt und waren glücklich, auch wenn ihre Masse sie langsam zu erdrosseln drohte.

Doch eines Tages fanden sie sich vor einem Berg, einem Obersalzberg, der sie vernichten wollte, denn wenn dieser Berg nicht wegginge, waren sie alle ohne Hoffnung und Perspektiven - doch sie wussten nicht, wie sie es schaffen würden, diesen gigantischen Berg von Salz wegzuräumen, und sie werden es niemals wissen - auch, dass sie für immer und ewig verloren waren.

Denn der Salzberg war gar kein Salzberg, sondern er war die verlorene Umwelt, die vernichtete Luft und das selten gewordene klare Wasser, die Ressourcen und Energien, die langsam sich erschöpften, die Tiere wurden immer kränker, es gingen Pandemien um, das Wetter spielte verrückt und das Klima wurde unerträglich und irreversibel wurden Trockenheiten, Wasserfluten und irre Stürme. Dann war auch noch dieser Salzberg gekommen, infolge der Masse der Völker, der Dummheit der Führer, der Vernichtung der Systeme durch Geld, Gier, Growth und die unglaubliche Blödheit der Elite, der Philosophen, der Denker, der Junk-Jews of Wall Street und der Idee, dass man Masse essen kann, dass man Aktien und Staatspapiere essen kann, dass man die Verzweiflung in den Megastädten trinken kann - wo doch die Fantasielosigkeit der 7 Milliarden so glorios geworden war, dass keine Macht der Welt je diesen Obersalzberg wieder zum Verschwinden bringen würde.

Die Lösung wäre darin bestanden, nicht mehr in diese riesige Stadt zu gehen, mit der wundersamen Vermehrung, sprich Bevölkerungsexplosion aufzuhören, einige Dinge ganz anders zu machen als diktiert vom Kapitalismus und Neoliberalismus, die Erde zu schonen, die Landwirtschaft, das Wasser, die Luft, die Schätze in der Natur und im Boden und statt des TGV der Selbstzerstörung anzubeten wie einen Gott, eben eher die Kleinheit ohne Globalisierung anzubeten wie einen Gott, genau so wie es die Naturvölker vor unendlichen Zeiten noch wussten, dass man das eigene Bett nicht voll scheissen kann und danach glauben, es würde niemals stinken und man würde schliesslich nicht im eigenen Kot verrecken.

Nun war es so gekommen, wie ich vor vielen, vielen Jahre genauestens protokolliert hatte und als ich endlich in Wahrheit vor dem Obersalzberg stand, blieb mir nichts Anderes übrig, als den Mund staunend aufzutun, wie der Rest der "Yes-We-Can Heil-Masse" und zu denken: "Am besten denke ich jetzt überhaupt nichts mehr---"

 

Eigentlich ist dies keine seltsame Geschichte, sondern die vereinfachte Version einer Realität eines chaotischen und gigantischen Welt-Theaters in China, USA, Europa, Afrika und dem ganzen Rest. Dies alles war voller Tragödien, Komödien und Dramen und weil kein Mensch, kein einziger aus 7 Milliarden, etwas davon kapierte, entstand aus dem Nichts ein tödlicher Obersalzberg - und noch nicht einmal eine Atombombe war vorhanden, um diesen Berg wegzupusten."

Ja, solche seltsamen Geschichten schrieb ich von nun an, ganz allein auf dem Lande lebend. Nie kam eine Seele vorbei, nie erfuhr ich, ob diese Idioten alle gestorben sind, verreckt an ihrer eigenen Blödheit, es gab nur die sich türmenden Papiere, die über 1000 Seiten erklärten, wie alles so kommen konnte wie es schliesslich kam - doch es half keiner Seele und es war alles für die Katz, doch geschrieben war es nun für alle Zeiten.

Irgendwann wird ein Gott oder Jesus oder Mohammed oder Buddha vorbeikommen, aus dem Nichts, in diese schöne Steppe mit Wald und Feld und Wasserquelle und den Kartoffeln und Beeren und sich wundern, über das Skelett eines Mannes und die Haufen von Papieren. Dieses Wunderwesen wird zu lesen beginnen und sich wundern - um wieder wegzugehen, dahin woher er oder sie gekommen ist.

Und so endet eine doch sehr wunderliche Geschichte, die den Nachteil hat, dass sie zu 100 Prozent wahr ist und kein Wort gelogen, doch zu seiner Zeit, als kein einziger Mensch den Verstand aufbrachte, solche Texte zu verstehen und das Ende seiner Existenz zu erkennen, entstand eben dieser Obersalzberg und es war gut so.

Nun ja - ob es gut war, dass diese kriegerische, gierige und folternde Menschheit endlich verschwand vom Angesicht seines Paradieses, kann jetzt leider kein Wesen im Weltall mehr beantworten. Irgendwie ist allein schon die Frage ohne jedes Interesse. Es ist einfach immer so, wie es ist und kein Mensch, kein Tier, kein Gott und kein Universum kann die Realität ungeschehen machen.

Mit diesem Gedanken müssen wir wohl leben lernen.

 

René Delavy - Berlin and Bournemouth

geschrieben am 22. Januar 2011

 

 

 

 

 

 

 

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