René Delavy

Meritokratie und Neid

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Meritokratie und Neid

 

Der Zufall will es, dass ein Kadermagazin der Schweiz über diese Themen geschrieben hat. Und ein Zufall ist es ebenfalls, dass ich diese Artikel ausnahmsweise gelesen habe.

Beide Artikel, geschrieben von Ernst W. Schmid und Willem Lammers, beweisen, dass die Indoktrination einer kapitalistischen Sichtweise die ganze Arbeitswelt "verrückt" hat und Menschen, selbst Arbeitnehmervertreter und Psychologen, von Realität keine Ahnung mehr haben.

Doch gehen wir der Frage mal nach, was im Jahr 2000, nach Globalisierung, Deregulierung, Privatisierung - und jetzt kurz vor dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft, zuerst Finanzmarkt dann der ganze Rest, so geschrieben wird über psychologisierende Elemente, die erst zu diesem Debakel führen mussten.

 

Meritokratie und Entlohnungsmodelle

Dieser Begriff verweist auf die Möglichkeit, dass die Gehälter, Boni, Karrieremöglichkeiten und das Ansehen von Beruf eigentlich vom "Verdienst, für die Firma, die Allgemeinheit, den Staat oder was auch immer, abhängig gemacht werden könnten oder gar sollten".

Wunderbar: Ein herrliches Beispiel aus meiner Karriere.

Mit Abstand der beste meines Faches hatte ich nie eine Chance gegen Arschkriecher, die den Konzernchefs, den Redaktoren von Zeitungen, den Verwaltungsräten von Banken, Versicherungen und Industriebetrieben und vielem anderen zu Willen waren, die "es geschafft" hatten, bestehen zu können.

Der Grund? Wer in dieser Wirtschaftswelt nicht auf beiden Augen blind war, jeden Unsinn in Jahresrechnungen absegnete, jedem Gauner zeigte, wie mit legalen aber in Wahrheit kriminellen Konstruktionen Steuerfreiheit zulasten des Mittelstandes und der Armen möglich war, wurde limogiert. Er wurde langsam aber sicher aus seiner Stellung geschoben, entlassen, viel zu tief bewertet und tiefer entlöhnt als jene, die schlau genug waren zu kapieren, um was es im nackten Kapitalismus geht.

Resultat? Dotcom-Blasen, Enron, Swissair, Ebners Visionen, Bear Stearns, UBS, CS, EKC, und bald alle anderen Finanzinstitute, sowie irre Berichterstattungen von Dr. Schwarz, Lüchinger, Köppel, Hartmeier, Flubacher, Schneider, kurz - von allen Chef- und Wirtschafts-Redaktoren, nicht nur der Schweiz, sondern weltweit.

Nun meint dieser Ernst W. Schmid, es würde zu mehr Wachstum, Erfolg, "Fortschritt", höheren Gewinnen, stärkerem Verbrauch von Umwelt und Ressourcen, viel grössere Reisetätigkeiten und schnelleren Abbau in Ölquellen und Finden von Gasvorkommen führen, wenn nur die "Fähigsten" in der Karriere befördert würden. Und er meint es nicht etwa ironisch, sondern absolut ehrlich und völlig der Chicago Schule von Friedman, dem WEF von Davos und der Handelshochschule in St. Gallen verpflichtet.

Es käme ihm nie in den Sinn, von schädlichen Aktivitäten bei Banken, im Dienst- und Beratungsbereich, in Industrie, Touristik oder was auch immer, zu schreiben, ja nur schon daran zu denken.

Es ist völlig sinnlos von "Meritokratie" zu reden, wenn die Folgen von Meriten niemals kapiert worden sind. Es ist kontraproduktiv und führte schliesslich zur Endlösung des Kapitalismus, wie man bald sehen wird, dass man nur die grössten Schwätzer mit dem Killerinstinkt der Macht an die Tröge des Geldes und Hebel des Weltgeschehens liess. Einige "verdienten" im Sinne von Meritokratie sogar diesen Aufstieg. Doch die meisten Ospel, Ackermann, Andreas Meyer (SBB-Cargo), Kielholz, Grübel, Schiltknecht, Ebner, Blocher - eigentlich sämtliche Leute, die Karriere machten und riesige Gewinne, wenigstens für einige Zeit, an Verdiensten in Geld, Boni, steuerfreie Kapitalgewinne etc. abfeiern konnten und beim Zusammenbruch der Systeme die Ersparnisse des Mittelstandes und der Armen mit in den Abgrund rissen, waren reine Meritokratie-Betrüger und Verführer der Medien und Massen.

Dies ist Privatisierung der Gewinne, der verdammten Halunken der Super-Reichen, einerseits, und die Verallgemeinerung und Sozialisierung der von diesen Idioten erwirkten Verluste, anderseits.

Dagegen gibt es nur EIN Mittel: Ethik und Verstand müssen siegen über Halunkerei, Meritokratie der Blind-und-Tauben, Abzockerei, endlose Gier und Dummheit aller Beteiligten: Behörden, Revisoren, Berater, Verwaltungsräten, CEO, Wirtschafts-"Experten", Redaktoren und der ganze Rest. Doch nun ist es zu spät, um jene in Ethik und Moral geschulten Menschen noch fördern zu wollen, die man nun seit 60 Jahren links liegen liess, mit "Fichen" traktierte und deren Literatur auf den Index gesetzt wurden, mit allen Mitteln medialer Macht.

Es ist ganz einfach: Die Mehrheit der Benachteiligten sollen dafür sorgen, dass die verdammten Wirtschafts-Gangster im eigenen Safte schmoren, ihre gesamten Vermögen verlieren und wenn möglich, alle an die nächsten Laternen aufgehängt werden. Für den Verlust von Billionen, die zugunsten der grössten Wirtschaftsschweine gegangen sind, ist eigentlich keine Strafe angemessen. Noch nicht einmal Todesstrafe oder Zutodefolterung würde diesem Aderlass am Wohlstand der Massen, als angemessene Reaktion der Geschändeten entsprechen.

 

Neid und Missgunst

Es ist einfach herrlich, wie ein unbedarfter Psychologe, offenbar hoch ausgezeichnet, dieser Willem Lammers, die Ursachen und Wirkungen von Neid uminterpretieren will, weil es nicht sein darf, dass diejenigen, die es zu Geld und Erfolg gebracht haben, von den Unterhunden beneidet werden.

Wiederum das Diktat von Friedman, Popper, von Hayek, Schumpeter, Schwab und Schiltknecht-Köppel: Die Neider sollen an sich arbeiten, denn sie erzeugen einen Sog, in welche die Wirtschaftsleistungen zu leiden drohen!! Der Neider beschädigt sich selbst, denn psychologisch befasst er sich zu sehr mit diesem Thema, statt etwas Leistungsstarkes für seine Firma zu erbringen und den Beneideten in den Arsch zu kriechen! Dummheit sollte einen eigenen Nobel-Preis bekommen.

Dieser schreibende Idiot sieht die Frage des Neides nur aus der Sicht der Leistungserbringungen und des individuellen Wohlbefindens beider, der Neider und der Beneideten.

Was für ein verblödeter Gesichtspunkt!

Bei Neid und Missgunst geht es allein, absolut nur um die EINE alles entscheidende Frage:

IST DER NEID BERECHTIGT ODER UNBERECHTIGT?

Hinter dieser Fragestellung verschwinden alle psychologisierenden Dummheiten eines akademisch geschulten Menschen mit tiefem IQ und EQ, denn:

Wer neidet hier eigentlich und wer wird beneidet? Lieber Lammers: Gehen wir doch mal nach MONACO. Da stehen die armen Seelen vor dem Casino und gucken, wie dumme Kerle mit ihren Püppchen aus den Rolls Royce, Ferrari, Porsche, riesige Mercedes steigen, von livrierten Kerlen umsorgt, die nachfolgenden diese Karren direkt vors Casino bringen, wo der Pöbel sie dann bestaunen kann. Unten am Yachthafen dasselbe Bild: Reiche Typen lassen sich auf ihren Schiffen mit Kaviar und Champagner bedienen und die Massen stehen am Quai und kommentieren den Vorgang. Eine absolute Schande!

Und dies ist das Sinnbild in dieser deregulierten und globalisierten Welt, nicht nur für Monaco, sondern sämtliche Nationen: Die Reichen zocken ab, nehmen den Mittelstand und die Armen aus, leben in Saus und Braus - und die Neider gucken zu und sollten sich brav und U.S. "politic correctness"-mässig verhalten, wenn der Wahn endlich einbricht?

Für wie blöd, Herr Lammers, halten Sie eigentlich die grossen Massen der "Demokratie = Diktatur der dummen Mehrheiten"? Alles geht solange gut, mit oder ohne Neid und Missgunst, bis die ganzen Reichheits-Türme des Wahns in sich zusammenbrechen, und in China, Russland, der Schweiz, Deutschland, England, den USA und in allen Ländern der Welt die Ärmeren kapiert haben werden, weshalb sie im Sinne einer funktionierenden Leistungsgesellschaft nur zugunsten von einem Promille an Meritokraten - NIEMALS hätten "neidisch" sein dürfen.

 

Schlussfolgerung

Zeitungen und Kadermarkt-Scheisse zu lesen könnte bilden. Doch an diesem Beispiel zeigt es sich ganz einfach, dass inzwischen sogar die Arbeitnehmer-Vertreter und Sozial-Psychologen indoktriniert worden sind von einer Reagan-Thatcher Ideologie der tiefsten ökonomischen Denkstufe.

Ich weiss, ich weiss, jetzt werden diese Herren den üblichen Sermon bringen und behaupten, diese meine Betrachtungsweise hätte nichts zu tun mit dem Blödsinn, den sie zusammengeschrieben hätten.

Ein Irrtum. Es braucht Intelligenz und etwa 10-maliges Lesen, einerseits dieser zwei Artikel von Schmid und Lammers, und dieses von mir hingeworfenen Textes, anderseits, um das ganze Ausmass der Verdummung, die sich wie ein Faden durch sämtliche Medien der Welt ziehen, zu erkennen und zu erfassen.

Und nun wäre es nicht schlecht, wenn die UNIA, die deutschen Gewerkschaften und die Arbeiter in Bellinzona diesen Bericht mal etwas studieren würden. Ihr Schaden wird es nicht sein, jetzt wo es noch um den Erhalt der letzten Arbeitsstellen geht, bevor die Gewinnmaximierung der infolge Neid und Meritokratie mächtig gewordenen Manager des Geldes, der Firmen, der öffentlichen Betriebe, noch völlig ausrasten - gerade jetzt, wo die schiefen Türme des Kapitalismus genau so zusammenbrechen werden, wie vor einiger Zeit der Sozialismus in den Ostländern.

Ich hatte es in "Orakel 2099" geschrieben, im Jahr 1975, und deshalb ist es jetzt auch so geschehen. Denn höchste Intelligenz, Common Sense und Logik ist weder mit Missgunst noch mit Meritokratie erlernbar. Es wird einigen Wenigen, vielleicht einem aus einer Million, in die Wiege gelegt.

René Delavy, Berlin and Bournemouth

  

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