Hier beginnt die Story meines Hundes LEON. Es geht darum, aus allem Menschlichen auszusteigen und auf ein höheres Niveau der Existenz zu gelangen.
Es ist sehr einfach zu beschreiben wie ein Mensch denkt. Wer die Wirklichkeit des Natürlichen erfassen will, muss austreten aus den Pfaden der normalen Literatur und sich hinein denken in tierisches Leben. Es kann gelingen, es kann misslingen. Was mich allein interessiert, dieser Menschheit, die von Realität nie etwas begriffen hat, den Spiegel vorzuhalten.
Sehen wir einfach, was nun passieren wird. Ich verwette mein gesamtes Vermögen - Was jetzt kommt, wird alles übertreffen, was ein Mensch je geschrieben hat. Und nun warten wir mal den neuen Tag ab.....
Der neue Tag ist nun hier: Funktionieren wird diese Art von Roman eigentlich nur, wenn ich die Gedanken des Hundes, der im übrigen noch lebt und deshalb die Endphase dieses Hundelebens eins-zu-eins auf den Pelz gebrannt bekommt, also die Gedanken von LEON in kursiver Schrift verfasse.
Den eigentlichen Erzählstrang werde ich von Menschen für Menschen schreiben in Normal-Schrift und auch in normalem Deutsch einer normalen Erzählung.
So - und jetzt kann "es" losgehen, das Sich-Hinein-Denken, hinein in den Hund, dessen Denken ich leider nur erahnen kann, aber immerhin....
LEON
Eine Hunde-Welt tut sich auf
Noch weiss ich nichts von meinem Namen. Ich weiss nichts von meinem Hundedasein, vom Leben, von Existenz, von Welt. Noch schlummere ich als ganz kleiner Hund im Bauche meiner Mutter. Es wird etwas eng und heller. Es ist angenehm, die Welt des Bauches in Unbewussten wird ganz langsam abgelöst von bewusstem Leben. Ich fühle die Zunge meiner Mutter auf meinem Leib. Es fühlt sich angenehm an, dann habe ich Hunger und Durst. Da wird es wohl was geben, hier kann man saugen und eine warme Flüssigkeit ergiesst sich in meinen Schlund. Da hat es doch noch andere wie mich. Wir kuscheln aneinander, schlafen, strecken uns, schnappen uns ein wenig und trinken die Muttermilch und schlafen und schlafen....
So geht es eine ganze Zeit. Die Gegenstände, die Hündin, die Menschen, ihre Stimmen, Laute, Schatten, dann Gestalten, schliesslich Gesichter und Hände nehmen Formen an. Man beginnt sich zu orientieren. Tag und Nacht können unterschieden werden, man wackelt nicht mehr im Zeugs rum, sondern stakt herum in der nächsten Umgebung des Stalles, im welchem wir Hündchen geboren worden sind. Wir hören die ewig gleiche Ländlermusik, wenn der Bauer früh morgens die Kühe melkt, das Brummen und Krachen des Traktors, bedrohlich, dies muss gefährlich sein.
Ein grosser Hund, der gar nicht aussieht wie meine Mutter, wird uns zugeführt, vorsichtig, als wäre es gefährlich für uns. Für mich ist es einfach ein anderer Hund, nicht meine Mutter, doch die Menschen wissen, dass er mein Vater ist. Das Gras kitzelt an den Füssen und am Bauch, die Wasserpfützen laden zu Spielen ein, ich schubse meine Brüder und Schwestern.
Auch das Futter ändert sich, die Bäuerin, die mit uns gar nicht nett ist und immer etwas schreit, wenn wir auf ihre Füsse treten, bringt so ein Brei herbei und wir streiten uns um den viel zu kleinen Topf. Einige meiner Brüder und Schwestern kann ich wegschubsen, doch da ist einer, der mich in den Mund beisst, dummer Kerl, und am meisten frisst.
Noch kann ich nicht zählen. Wir sind mehr als zwei, das ist klar, doch sieben sind ausserhalb meines Intellekts als Hund. Richtig zählen werde ich ein Leben lang nie können, nur intuitiv erkennen, dass es sich um kleine, mittlere und grosse Mengen handelt. Wenn ich später mit sieben Tieren oder Menschen zu tun haben werde, wird mir diese Menge sofort bewusst sein - und beim Spazieren werde ich immer vom vordersten zum hintersten Geher pendeln, doch eine Zahl werde ich nicht wissen können.
Dagegen sind mir Zustände der Natur bald bewusst: Gewitter, Blitze, Donner waren das Erste, was mir ins Bewusstsein dämmerte. Auch Tag mit der Helligkeit und die Nacht mit dem Dunkel, waren bald ein Lebensrhythmus, den ich nicht mehr hinterfragen durfte. Von den Übergängen des Tages, wie Frühmorgen, Dämmerung, heller Morgen, Mittagszeit, Nachmittag, Abend, Abenddämmerung werde ich nie etwas mitbekommen. Es gehört zum Leben und es ist nicht zu verstehen. Es geschieht einfach, wie so alles.
Niemals werde ich etwas wissen von Geographie, Distanzen, Nationen, Kontinenten, eines Planeten und seiner Stellung im All. Ich werde weder Sonne noch Mond noch Erde noch sonstwie irgendetwas Abstraktes erkennen. Es wird schneien und kalt sein. Doch dies wird niemals ein Winter sein für mich als Hund, ebenso wenig der Sommer mit der Hitze und der Trockenheit. Es wird einfach sein, ebenso wie die Übergangszeiten Frühling und Herbst.
Ein Mensch weiss dies auch nicht. Er lernt es von seinen Eltern, in der Schule und durch Erklärungen. Auch für den Menschen gäbe es keine Nationen, Kontinente, riesige Ozeane und verschiedene Länder. Für den ungebildeten Menschen wären sie einfach da, und man wüsste noch nicht einmal, dass sich die Erde dreht, dass dieser Planet sich einmal im Jahr um die Sonne als Mittelpunkt bewegt, der Mond wäre einfach am Himmel, das Wasser nass, ein Auto würde sich bewegen und Lärm machen, die Flugzeuge steigen in den Himmel aus Gründen, die einige Genies unter der Erwachsenen wissen, ebenso käme die Elektrizität aus Atomkraftwerken, weil einige helle Köpfe es so eingerichtet haben.
Als Hund kann ich, LEON, nicht wissen, warum alles geschieht. Aber auch die Menschen wissen es nicht. Sie lernen ein wenig und die meisten Menschen wissen im Vergleich zum "All-Wissen" beinahe nichts. Nur ganz wenige, zum Beispiel mein späterer Meister und Besitzer, wissen sehr viel. Die meisten Menschen wissen kaum mehr, als ich gegen das Ende meines Lebens wissen werde.
Ja, der Name LEON. Der Bauer rief mich so, wenn er wollte, dass ich zu ihm kam oder seine Hosen nicht zerschleissen sollte. Später wird er erklären, dass ich der Hund mit dem dichtesten Fell war und deshalb wie ein kleiner Löwe aussah und deshalb nannte er mich LEON. Dieser Name hat in Zukunft immer mit grossen Buchstaben geschrieben zu werden, weil mein Lebenspartner, mein Besitzer, es so wollte. Er sagte jeweils zu anderen Leuten: "Wissen Sie, ein Hund hat für mich viel mehr Vernunft und Natürlichkeit, als alle Menschen zusammen, die alle verrückt geworden und verblödet sind. Ein Hund kann gar nicht von selbst verblöden, wenn die Menschen es nicht auch sind. Zudem ist dieser Hund etwas ganz Besonderes. Er versteht mich und meine Gefühle wie kein Mensch. Ihn werde ich in der Literatur und in Briefen oder Mails immer mit grossen Buchstaben, LEON, schreiben - und die anderen Idioten haben dies zu akzeptieren...."
Ja, so ist und war mein Lebens-Besitzer, mein Meister, doch noch ist es nicht so weit.
Ich muss noch etwas Speck auf die Knochen laden. Fleissig essen, rennen, rammeln, bellen, zuerst eher quaken, dann winseln, angeben, also zeigen, dass ein Unbekannter sich nähert. Man muss annehmen, dass dieser ein Idiot ist, also gefährlich, bis das Gegenteil bewiesen ist. Eigentlich sollten die Menschen dies auch tun. Zum Elend der Menschheit, funktioniert die Sache bei ihnen umgekehrt, deshalb brauchen sie Hunde als Hüter, Warner, Sicherheits-Apostel und Freizeit-Gestalter. Wir Hunde sind die besseren Menschen - und nur mein Meister hat dieses Faktum als Einziger erkannt.
Die Zeit am Rande dieses Dorfes, für mich im Irgendwo, für die Menschen ein kleines Dorf bei Olten im Schweizer Mittelland, diese früheste Jugendzeit floss langsam dahin und in meinen Hundehirn war klar: So wird es immer sein. Immer. Keine Geburt, kein Leben, kein Altern, keine Krankheiten, keine Schwierigkeiten, die ich nicht schon kenne, keine Fremdherrschaft über mich, kein Ende, kein Tod. So wird es immer ---- bis
Eines Tages fährt wieder mal ein Auto vor. Wäre ich ein Mensch, ich würde erkennen, dass es grün ist, von weit her gefahren ist, es ist ein Kombi oder Station-Car mit viel Platz. Es steigen aus, ein Mann und eine kleine Frau. Doch mich kümmert dies nicht. Ich tolle in der Wiese vor dem Haus rum und wir Hunde lassen uns bewundern. Meine Mutter wird zum Meister gerufen und erklärt dem Paar einige Dinge, eben, dass dies die Mutter des Rudels sein würde und der Vater irgendwo in einem anderen Dorf.
Dann greift mich der Mann am Bauch, schreit etwas von "ist der Kerl schwer!", reicht mich weiter an die kleine Frau, die er mit Rita anspricht, und sie gibt in dem anderen Kerl, den sie mit Tigi anspricht, wieder zurück und sagt etwas wie: "Der andere da würde mir mehr gefallen, er scheint ruhiger zu sein." Da wurde meiner neuer Meister, der mich kaufen würde, etwas bestimmter: "Ich will den da, der ist gerade richtig, toller Charakter und die langen Haare erinnern mich an Clochard, den verstorbenen Hund. Was - er heisst LEON? Gut so, den Namen werden wir behalten. Wie alt? 5 Monate gut. Können wir ihn gleich mitnehmen? Okay. Franken 500? Ich gebe 600, keinesfalls darf er billiger sein als Clochard, damals."
Hier muss eingestiegen werden in die Menschenwelt, denn diese Szene hat eine Vorgeschichte: Dieser neue Mann, also mein Meister meines Lebens, hatte schon zwei Hunde mit Namen Nick und Clochard. Der erste war ein zerzauster ausgesetzter Hirtenhund, dem man noch einige nette Jahre Hundeleben gönnte, eh er an Altersschwäche verreckte. Der zweite, Clochard oder Clochy, war vor einigen Monaten verreckt, an einem Darmverschluss nach dem Genuss von Knochen, wo offenbar nur noch die Todesspritze im Garten des Hauses von Tigi übrig blieb. Und so suchte man einen neuen Hund, fand in einer Zeitschrift eine Anzeige "Welpen Golden Retriever x Bergamasker zu vergeben", man telefonierte und besuchte einige Welpenrudel. Vor Olten hatte Tigi genug und wollte nach Hause kehren. Doch Rita schrie: "Nein, wir besuchen noch die Retriever x Bergamasker, kann nicht mehr weit sein, hinter diesem Hügel dort---" und so war es - und so landete man bei LEON und konnte sich dieses Kleinod unter den Nagel reissen....
Und so sitzt der Kerl nun hier, im Jahr 1999, mit seiner kleinen Frau, und sie essen noch einen kleinen Imbiss und ich bin tot unglücklich, festgebunden an einen Pfahl auf der Veranda meines lieben Bauern und seiner hässlichen Frau, ein kleiner lebender Gegenstand, kaum ohne Wert, den man gekauft hat, ein Nichts. Ich ahne Fürchterliches, beginne zu bellen und zu winseln und werde ausgiebig gestreichelt und beruhigt: "Es kommt schon gut, hab Geduld, es kommt schon richtig...."
Man setzt mich vorsichtig auf den Rücksitz im Auto. Noch nie war ich in einem solchen Ding. Der Bauer streichelt mich ein letztes mal über den Kopf und dann geht es los. Es schaukelt, es brummt und draussen fliegen die Bäume und der Himmel vorbei. Ich mag nur noch schlafen - zu gross ist mein Elend und die neue Unbestimmtheit. Die kleine Frau, Rita, hat mir einige Tropfen einer exotischen Flüssigkeit eingeträufelt und dies macht mich schläfrig. Nach einem Weilchen, steigt sie zwischen den Vordersitzen nach hinten zu mir, nimmt mich auf ihren Schoss, streichelt mich und sagt einige nette Dinge.
Später werde ich durch viele Hände gereicht. Ich kann nicht wissen, dass ich in meinem Leben noch viele Tage bei diesem Haus sein wird. Einige Junge, es sind die Söhne von Rita, legen mich auf mein Bett und wollen mich reizen. Doch ich bin zu faul und lasse mich kraulen am Bauch. Es gibt etwas Wasser und ein Gutzeli, das gut schmeckt. Die Leute im Haus stehen um mich herum und scheinen ein Urteil abzugeben. Die Einen finden mich grossartig, andere stänkern, dass ich wohl ein grosser Hund werde mit meinen riesigen Pfoten. Wieder andere wollen auch einen Solchen wie ich es bin. Wo kann man ihn kaufen? Alles Idioten!
Doch vorerst geht es wieder ins Auto und wieder ein Weilchen, so eine Stunde für Menschen, in ein anderes Dorf. Ich staune nicht schlecht, da hat es einen Garten, eine Terrasse mit Blick auf einen langen See, Hügel, Bäume, ein Teich, eine Nachbars-Katze, viel Platz, viele Zimmer und Stockwerke, eine Ecke für mein Bett, Futter zu Hauff, überall eine Blechschüssel mit Wasser, Spielsachen und Stofftierchen, die ich zerreissen will und nicht kann.
Doch dann kommt der erste Abend: Ohne meine Mutter, ohne meine Brüder und Schwestern, ohne meine Rituale des Nachtessens, organisiert von der Bäuerin. Kein Muhen der Kühe, keinen Traktorlärm, kein Stroh zum Schlafen, kein Spielen und Tollen vor dem Einschlafen, keine Katzen - und ich werde traurig und fühle mich verlassen. Ich darf zwar auf dem Bett des neuen Meisters schlafen und er streichelt mich von Zeit zu Zeit und versucht mich zu trösten, aber der Bruch ist zu gewaltig....
Bis jetzt glaubte ich an die Ewigkeit des Seins in einer unveränderbaren Routine des Seienden, und plötzlich ist meine Gegenwart zerstört, wird zu Vergangenheit und die Zukunft ist unbestimmt. Bringt mich der Kerl nach dieser Nacht zurück, oder muss ich hier bleiben? Was hat er vor mit mir? Wird es mir gut gehen?
Noch viele Tage werde ich traurig sein und mich erinnern. Zwar von Tag zu Tag weniger, doch noch nach Jahren werde ich mich erinnern, wegen Geräuschen, Gerüche, Geschmäcker, Töne, Landschaften, Häuser, Kühe, Katzen und Ziegen, bis an mein Lebensende wird mir meine Jugend und Kindheit in Erinnerung bleiben. Nicht wie bei Menschen eingeordnet in Jahre, Monate und Tage, sondern als ein vages Gefühl: "Da war doch was, vor langer, langer Zeit, da kuschelte ich an meine Mutter und alles war in Ordnung..." Diese Lebenstraurigkeit ist bei uns im Instinkt, bei Menschen im Intellekt, was so ein Unterschied ist wie Tag und Nacht, oder Gott und die Welt.
Mein Meister scheint auch nicht glücklich, ich kann nicht wissen, dass er die Traurigkeit der Erinnerung an Clochard, wie auch an seinen jung verstorbenen Bruder, René, nie wird ganz überwinden können, doch die Zeit heilt alle Wunden, für mich, für Rita und für Tigi. Das Leben geht weiter, muss immer weiter gehen, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr - und nur die Menschen wissen: Am Schluss sind wir ALLE tot. Ja, gut, nicht zu wissen von Ewigkeit, Unendlichkeit, Leben und Tod, von all dem Zeugs, das die Menschen verrückt und wahnsinnig werden lässt, wahnsinnig im Leben, im Beruf, in der Masslosigkeit, im Verhalten der Lebensplattform Erde gegenüber, im Verhalten eines absoluten Unverstandes des Instinkts und des Intellekts, durchschaut in gewissen Massen von meinem Meister Tigi, doch sogar dies habe ich nicht zu wissen.
Was ich sehr bald wissen werde: Diese Leute schimpfen zwar, aber sie schlagen nicht, sie gehen mit mir in eine Welpen-Schule, ich bekomme mein Essen pünktlich, und sie nehmen mich mit auf ihre langen Reisen irgendwohin. Nur die Menschen wissen etwas von Italien, Côte d'Azur, Wohnung über dem Mittelmeer, Reisen in Skigebiete, Wanderungen in Schweizer Tälern, Übernachtungen und Ferien in Hotels und Wohnungen im Irgendwo. Ich bin einfach immer dabei, kann in den vielen Zimmern schlafen. Manche Orte und Räume sieht man nur einmal, an andere wird man während Jahren immer wiederkehren, immer wieder, es ist wohl ein zweites Zuhause.
Rasch lerne ich bei Fuss gehen, zu kommen wenn ich höre "Hier!", an der Leine laufen ohne zu rupfen und voraus zu eilen, vor einem Kaufgeschäft zu warten ohne zu bellen, andere Hunde nicht zu beissen und sie auch nicht zu reizen. Es gibt hier einen Trick, den ich bis ins hohe Alter bewahren werde: Als grosser Hund lege ich mich hin, wenn ich einen Hund kommen sehe. Ist es gross und gefährlich, lässt er sich beruhigen. Ist er klein und hässlich, verliert er die Angst und getraut sich auf meine Höhe zu kommen. Dann können wir uns am Arsch beschnuppern und ich weiss dann, woran ich bin. Manche Damen schmecken etwas besser als die anderen Hunde, und da versuch ich dranzubleiben, bis das unvermeidliche "Hier!" kommt und die Liebe nicht dauern darf.
Schnell begreife ich meine totale Abhängigkeit der Wünsche vom Meister, seiner Partnerin und von Menschen an sich. Ein Hund hat zu befolgen, was Menschen so wollen, ohne lange zu denken, was das eigentlich soll. Dies ist auch ein Vorteil: Man braucht nicht selbst zu denken. Nur hier habe ich Pech mit meinem Meister: Die ganze Zeit fragt er mich Dinge, redet mit mir wie mit einem erwachsenen Menschen, zeigt mir Dinge, rühmt mich ab jedem Dreck, den ich richtig mache, und schielt mich, wenn ihn Sachen missfallen. Er zeigt mich stolz vor bei anderen Menschen, und erklärt: "LEON ist ein Mischling. Vater ist ein Bergamasker Hirtenhund und die Mutter ein Golden Retriever. Ja, er sieht schön aus, wie ein Löwe, ein junger. Und intelligent und folgsam. Total harmlos. Nie beisst er - oh, lass endlich den kleinen Hund in Ruhe, tammi. LEON, siehst Du nicht, dass der Kleine vor Dir Angst hat....?"
Ja, mein Meister ist gut. Noch mehr mag ich Rita. Tigi hat meinen Respekt, Rita meine Zuneigung. Sie gibt das Futter, sie kämmt mich, sie spielt mit mir wie ein Hund. Sie macht mit mir "den Löli", will sagen, begibt sich auf meine Geistesstufe und denkt, ein Hund sollte nicht zu viel denken müssen, schliesslich ist er ein Hund." Recht hat sie. Manchmal darf ich bei ihr allein zuhause sein, in ihrer Wohnung, und dann geht es jeweils eine Stunde per Auto vom Meister meines Lebens in ihre Klause, eine Wohnung eben, sehr angenehm, und eben nicht ein Haus mit den vielen Ecken, Treppen, Garten, Zimmer und Betten. Diese kleinere Welt ist mir sehr angenehm, auch wenn ich mich jedes Mal freue, wenn mich Tigi abholen kommt, um wieder "nach Hause" zu fahren.
Und so treiben unsere Leben dahin wie ein Floss im Strom. Die Jahre vergehen, von einem Kleinhund werde ich zu einem mittleren Hund mit viel Flausen im Kopf und schliesslich ein stattlicher Gross-Hund mit Charakter und Einsichten. Ich gewöhne mich langsam an die grosse Welt, die vielen Reisen, die Firmen, in welche mit mein Herrchen mitnimmt und wo ich stundenlang unter dem Tisch liege und versuche zu schlafen. Dann wieder geht's in ein Restaurant, da wird viel gelärmt und erzählt, feinste Resten vom Essen werden nach unten gereicht, ich brauch schon gar nicht zu betteln - wäre auch unter meiner Würde.
Überhaupt geht mein Meister mit vielen Leuten essen, er kennt unzählige Menschen, geht zur Arbeit zu ihnen oder lädt sie in sein Haus ein. Die Verwandtschaft schein riesengross zu sein. Immer wieder steige Partys, immer wieder geht's in ein Auto, die mir verschieden bequem sind: Meist kommt der Station-Car, ein Citroen, ins Spiel. Da hat es viel Platz für mich und die vielen Dinge, wie Velos, Skis, Koffer, etc. die dazugeladen werden. Doch für die Kurzfahrten kommt eine schaukelnde Blechkiste ins Spiel, ein Citroen 2CV, und mit diesem Ding fährt Tigi wie ein Henker und es schmeisst mich von Ecke zu Ecke. Doch ich habe eine Methode entwickelt: Mit dem Rücken zum Vordersitz, die Beine ganz lahm hinlegen, und da macht mir die wilde Fahrerei überhaupt nichts mehr aus. An Sonntagen und mit schönem Wetter kommt eine Krachmaschine zum Zug, ein Citroen-Maserati, und damit blocht der Kerl mit seiner Freundin und brettert über die Autobahnen mit bis zu 200 km die Stunde, obschon dies total verboten ist in der Schweiz. Man kann es versuchen und der Kerl blufft sogar, dass er selbst besoffen nie erwischt wird, und wenn es eine Kontrolle der Polizei gibt, benimmt er sich dermassen höflich, bestimmt, angepasst, dass sie ihn gehen lassen, selbst wenn er kaum noch auf den Beinen stehen kann.
Es gibt Gebote und Verbote, für Hunde, Menschen, ja, sogar für die Mächtigsten der Welt. Wer sich nicht an die Gesetze, die Ordnung, die angesetzten Vorstellungen von Menschen hält, hat schon verloren. Dabei ist es niemals wichtig, ob diese Dinge idiotisch sind, selbstvernichtend, ohne jeden Sinn: Einzig wichtig ist, dass man sich an die gesellschaftlichen Usanzen und Tugenden hält, sich so verhält wie alle anderen Arschlöcher, und dann kann man "den Staat" um alle Steuereinnahmen bescheissen und alle Lebensgrundlagen der Anderen vernichten, Kriege führen, die "Feinde" foltern und zum Verschwinden bringen ---- Hauptsache es geschieht innerhalb des menschlichen Konsenses der absoluten Blindheit des Faktischen.
Doch davon muss mein Meister etwas kapieren. Ich, LEON, als Hund, ich interessiert ein solcher Blödsinn nicht. Macht mein Meister pleite, kann einen Hund nicht mehr ernähren, dann tut er mich ab, will heissen, er vernichtet mich, macht meiner Existenz ein Ende - doch als Hund weiss ich noch nicht einmal Dieses, wie übrigens die meisten Menschen. Sie haben von Realität noch nicht einmal einen Hauch von Ahnung und Wissen.
Und dies scheint gut so zu sein. Wissen ist nicht Macht. Wissen ist schändlich, in den Augen und Hirnen der mächtigen Nicht-Wissenden----
Einige Abenteuer auf dem Lebensweg als Hund
Es ist natürlich absolut unmöglich, ein Leben, und sei es nur dasjenige eines Hundes, schriftlich zu erfassen - es würde 10000 Seiten und mehr umfassen. Man kann 10 Jahre und unter teilweiser Beschreibung aller Vorkommnisse des Tages, bei 365 Tagen pro Jahr, niemals erfassen. Man muss, wie in jedem Buch oder Roman, die wesentlichen Stellen von Sein erfassen.
Nehmen wir einen ganz gewöhnlichen Tag, als mir Alles noch ein wenig neu und unvertraut vorkam: Ich erwache aus meinen Träumen, weil mein Meister über mich steigt, um aus seinem Bett zu kommen. Er streichelt mich am Kopf und geht nach unten an seien Computer und ich döse weiter. Später kommt Rita dazu, und begleitet mich in die Küche. Verschlafen macht sie Kaffee und gibt mir einige Brotkrümel mit Butter drauf.
Irgendeinmal werde ich aufgefordert, in eine Blechkiste zu steigen, auf die Hintersitze, wo doch andere Hunde gefälligst in den Kofferraum zu verschwinden haben, aber als Familienmitglied, und erst noch ein vollwertiges, darf ich mich chauffieren lassen von meinem Meister. Wie kommen an bei einem breiten Bach. Ich darf runterspringen zum Wasser, plantschen und trinken und Stecken suchen, die nach mir geworfen werden und grabe einen grossen Stein aus dem Flussbeet und trage ihn hinan entlang des Wassers.
Der Weg wird immer enger und steiler. Schliesslich hat es ein breites Feld mit Steinen und einige Tannen und einen Rost. Nun geht es los: Rita holt alles aus den Rucksäcken, Wurst, Brot, Wein, Schnaps, Kaffee, Käse, Gurken, Tomaten und so weiter und für mich verschiedene Leckereien. Der Alte sucht nach Holzstecken und ich helfe ihm dabei. Wir bringen alles zu einem Ring aus Steinen. Tigi legt Feuer, hustet, flucht, legt nochmals Feuer und nochmals, hustet, flucht und legt die Würste auf den Rost. Ich lege mich in die Nähe von Rita, die sich einen Tisch aus Steinen und Holz gebastelt hat. Und dann geht das grosse Fressen los. Nach einigem Wasser für mich und Wein und Schnaps für Rita und Tigi, ist die Stimmung so richtig ausgeräumt, Tigi philosophiert, erzählt, dass alle Anderen totale Idioten seien, was ich nicht kapiere, denn ich suche nach Hasen, Steinen, atme die Gerüche ein, lebe ganz im Diesseits und bin zufrieden, bis die Beiden zusammenpacken und grölend nach unten streben.
Ja, und zuhause gehen die Kerle ins Bett, stöhnen ein wenig, lassen sehr laute Musik sausen und schlafen dann den Rest des Tages aus. Am Abend gibt's auf der Veranda mit Blick auf den See nochmals warmes Essen und Wein und für mich einen grossen Topf voller Spaghetti, wie immer am Samstag, wobei ich nichts weiss von Wochentagen, für mich existieren nur: Jetztzeit, Jetztleben, Jetztgefühle, kaum ein Gestern, kaum ein Morgen, keine Zukunft und die Vergangenheit als vages sich Erinnern: Da war doch noch was?
Ja, so gehen die Tage wie von Sinnen durch die Lande, immer kommt etwas Neues, etwas Anderes, etwas Unbekanntes hinzu, man lebt sein Hundeleben - und dies ist dann schon alles. Wären wir Hunde fähig, wie Menschen zu denken, wir wären schon alle gleich irrsinnig, verblödet, glaubten, dass die Realität das tägliche Leben mit dem Streben nach "Noch Mehr" sei - und beneiden jene, die mehr haben, an Geld, Intelligenz, Macht, Bekanntheit und anderen Blödsinn des Seienden.
Und so bin ich, LEON, sehr zufrieden mit meinem Tier-Dasein und habe keine Ahnung vom Holocaust of Animals, wenn ich das Fleisch der anderen Tiere vorgesetzt bekomme, von Tieren, die in einem Konzentrationslager, immobil, unter Erleidung unglaublicher Qualen, im Leben und im Tod, ihre Existenz abfeiern, und von Lagerfeuern in der freien Natur noch nicht einmal einen Hauch von Vorstellung haben durften.
Menschen nennen diesen unglaublichen Zynismus, ihre Arroganz als höchste Spezies, ihre schwache Vorstellung von Realität, sie nennen dies Leben, sie meinen zu wissen, was Leben, was Gott, was Universum, was Wissenschaft, was Reichtum, was Zukunft und Vergangenheit, was Gegenwart sei - und dabei wissen sie nichts von Nichts. Sie sind blind, taub, ölig in Gedanken, versuchen zu denken und merken nicht, dass sie dazu nie imstande sind.
Ich hingegen, ich LEON, weiss alles von meine Hunde-Dasein, ich bin mir sicher meiner Existenz, nur eingeschränkt von der Allmacht über mein Leben und Tod, von meinem Meister und dessen Meistern, die allesamt nicht wissen können, wie ein Hund denken mag. Gott sei Dank, gibt es einen Gott. Denn er weiss, wie man denkt. Nur leider kennen die Menschen diesen allmächtigen Gott eben nicht. Er ist ausserhalb ihres Vorstellungsvermögens. Die Menschen stehen im Verhältnis zur Wahrheit, zu Gott, etwas so dumm da, wie ich Hund, im Verhältnis zum Wissen um die Existenz eines Planeten, auf welchem ich gelegentlich auch auf dem Kopf wandle. Was weiss ich schon von einer Kugel, auf welcher wir alle gehen?
Es ist Sache der Wissenschaft, zu wissen. Wir Hunde wissen, ohne zu wissen....
Das Urteil der Freundin
Gestern las ich einige Passagen dieser Geschichte meiner lieben Rita vor: Sie selbst hatte mal eine sehr schöne Hunde-Geschichte geschrieben über das Leben von Clochard.
Und jetzt macht sie mir dieselben Vorwürfe, die ich ihr seinerzeit machte:
Es sei gar nicht die Geschichte aus der Sicht von LEON, hier, sondern ich würde Missbrauch an meinem Hundes betreiben zum Zwecke von Literatur. Ich solle sofort die "Ich-Form" der Erzählung vergessen und alles ganz normal aus der Sicht des Menschen bringen.
Da haben wir den Salat. Denn ich erklärte ihr, dass es eine Erzählung aus der Sicht eines Tieres rein unmöglich wäre, ein hoffnungsloses Unterfangen, denn alles hier ist menschlich:
Die Sprache, der Wortschatz, die Philosophie, die Literatur, die Logik der Verhältnisse, die Möglichkeit, eine Realität so darzustellen, als würde sie dem Hirn eines Hundes entspringen, die Idee, ein Lebens- oder Tages-Ablauf so zu schreiben, als würde der Hund verstehen was Raum und Zeit ist, Ewigkeit, Leben, Gott, und müsste dies alles erst noch in Menschen-Sprache, Menschen-Logik, Menschen-Realität denken.
Was sie meint, ist etwa Folgendes:
Und LEON sprach: "Wuff, humm, knurrr, kratz, Hunger, Durst, gehen Spazieren? Wow, es geht los, der Ding dort, an welches ich dinge, und nun geht's vom Ding ins Ding, und jetzt dinge ich, wenn ich wüsste was ein Ding ist, doch nun ich sehe die Dinge nicht mehr, alles Ding oder was? Der Dingsda vorne soll endlich - und überhaupt....."
Also, ich übersetze hier den Roman von LEON mal in "normale" Sprache:
"LEON gibt einige Laute von sich, hält inne, scheint zu studieren, dann knurrt er eine Katze an, kratzt an der Tür weil er Hunger und Durst hat. Nachher will er endlich spazieren, denn er sollte mal seinen Scheiss und Brunz, ja klar. Wow, endlich geht es los. Auf dem Weg zum Auto hat es einen Baum an welchen ich urinieren kann und nun geht's vom Weg ins Innere des Fahrzeugs, genauer auf den Hintersitz, und jetzt lege ich mich flach, schaue von Zeit zu Zeit aus dem Fenster, sehe ein Katze und schau ihr nach, und jetzt geht es einem See entlang und wir halten an einem grossen Platz. Ich habe natürlich keine Ahnung, ob dies ein Dorf in der Schweiz ist, eine Stadt in Oberitalien, eine Siedlung an der Côte d'Azur, wenn ich wüsste wie das Ding hier heisst, dann wüsste ich das Ding, und überhaupt, die Nacht fällt herein, ich sehe die Dinge kaum mehr, alles ist so undurchschaubar, wie alt bin ich, wie lange habe ich noch zu leben, und mein Meister, verreckt er vor oder nach mir, was ist Philosophie, wer war Plato oder Kant? Der Kerl da vor mir, dieser Tigi soll mir endlich die Welt erklären, die ich nie begreifen werde, als Hund, als Tier, als das Andere - und überhaupt...."
Vielleicht begreift man jetzt endlich das Problem, jetzt wo sogar drei Hunde auf mein Bett steigen, leicht stinken und grunzend vor Wohlbefinden mir zuschauen, wie ich auf dem Laptop herum haue und ich gelegentlich daran gehen kann, diesen Lebenslauf meines geliebten Hundes, LEON, der mich jetzt fragend anglotzt und meint: Wann gehen wir endlich spazieren, es ist langweilig, immer dieser Computer, lass meine Geschichte, sie bringt eh nichts, kein Mensch wird sie je lesen, und nun sollten wir endlich....
Ja, Freunde, es wird Nacht im Staate Dänemark und die Menschen immer weniger schlau, gieriger, dümmer, ohne jede Regung für das Über-Natürliche - und da soll ich noch Romane und Philosophien entwickeln? Genug für jetzt - ich stehe auf und sehe, was heute noch zu tun wäre, im März 2009, in einem alten Haus über dem sonnigen See in Oberitalien, kurz bevor wir entweder nach Stresa, Verbania, Onsernone-Tal oder nach Vercelli essen gehen.