Auskoppelung aus dem Buch "SEIN UND SCHEIN"
Das Zeitphänomen kann nicht durchschaut werden. Ich habe es mit Hilfe meiner Lektorin versucht, und hier ist der Bericht über das zu Stande gekommene Resultat unserer Bemühungen:
Alles begann damit, dass ich im Buch "10 Maximen zur Weiterexistenz" einen Exkurs mit dem Titel "Die Zeit geht vorbei" komponierte und diese Geschichte beginnt mit: "Die Zeit geht vorbei. D i e Zeit geht vorbei. Die Z e i t geht vorbei. Die Zeit g e h t vorbei. Die Zeit geht v o r b e i." Irgendeinmal wollte ich von meiner Lektorin Tanja wissen, ob sie diesen Satz überhaupt begriffen hätte während ihres Lektorates. Sie hatte nicht, aber versprach darüber nachzudenken. Daraufhin offerierte ich ihr, sozusagen als Geburtstagsgeschenk, 200 Euro, wenn ihre Definition mindestens annähernd die Aussagekraft meiner Interpretation erreichen würde, die ich verdeckt als Anhang zum E-Mail sandte mit der Aufforderung, diese erst nach ihrer Lösung zu öffnen, woran sie sich offenbar hielt.
Meine Interpretation lautete:
D i e Zeit geht vorbei
Es ist die menschengemachte Zeit, die vor sich hinfliesst, also die Zeit, die wir in unserer Realität als Menschen zur Zeit des Aufklärungsstandes per 2000 darunter verstehen.
Die Zeit auch, die Proust meinte in seinem "A la recherche du temps perdu".
Implizit: Stimmt d i e Zeit, also jene, wir wie sie verstehen?
Die Z e i t geht vorbei
Alles geht vorbei, auch die Zeit. Doch was ist sie, diese Zeit, wie misst man sie? Wissen wir, was Zeit überhaupt ist oder müssen wir uns ewig die Frage stellen, ob wir den Begriff "Zeit" nicht falsch interpretieren?
Implizit: Was ist Zeit überhaupt? Wir wissen es nicht und werden es nie wissen.
Die Zeit g e h t vorbei
Alles vergeht, auch die Zeit. "Geht" sie tatsächlich vorbei, oder bleibt sie ewig still, steht sie und wandert sie, und wenn ja, wohin? Kann sich eine Zeit bewegen oder findet nur alles in unseren Köpfen statt und deshalb verstehen wir Realität nicht?
Implizit: Was die Zeit tut, verstehen wir gar nicht, können es nicht verstehen. Zeit tut nichts.
Die Zeit geht v o r b e i
Wirklich lustig: Wir wissen, dass die Zeit "vorbei" geht. Vorbei an was? An der Realität, am Urknall vorbei, vorbei für die Menschen oder für Gott?
Implizit: Was ist die Ewigkeit und wie kann unter diesem Begriff etwas "vorbei" gehen?
Als ich die Lösung meiner Lektorin Tanja per E-Mail erhielt, meinte ich meinen Sinnen nicht glauben zu dürfen. Diese Dame hatte sich doch tatsächlich tiefgehende Gedanken zur Zeit gemacht und zwar auf einem Niveau, das wohl nicht von allen Frauen zu allen Zeiten erwartet werden dürfte. Hier ihre Lösungsansätze.
D i e Zeit geht vorbei: Die Betonung auf dem Artikel vermittelt dem Leser das Gefühl, dass es wohl andere Zeiten geben muss, die eben nicht vorbei gehen. Aber welche Zeiten können das sein? Ist die Zeit nicht immer etwas Vergängliches? Nein, nicht die Zeit, die noch vor uns liegt, unsere Zukunft. Nichts kann vorbeigehen, das noch nicht einmal eingetreten ist. Die Zeit kommt erst. Die Dauer dieser Zukunft allerdings ist abhängig davon, wie lange es geht, bis eben die Zeit vorüber ist, das heisst, die Zeit der mass- und achtlosen Umweltzerstörung, des Strebens nach Macht und Reichtum um jeden Preis, des Ichs im Mittelpunkt allen Geschehens. Je nachdem kommt diese Zeit, unsere Zukunft, erst gar nicht, geschweige denn, dass sie je vorübergeht, wenn sie zur Gegenwart geworden ist, weil wir vielleicht gar keine Zukunft haben.
Die Z e i t geht vorbei: Die Betonung auf dem Subjekt bedeutet, dass zwar die Zeit von selbst vorbeigeht, nicht aber andere Dinge. Übertragen auf Deine Maximen würde ich das dahingehend interpetieren, dass unser Denken, unser Handeln, unsere Prioritäten, unser Verständnis nicht automatisch vorbeigehen und sich verändern, sondern nur dann, wenn wir daran arbeiten, wenn wir Einfluss darauf nehmen wollen und können. Die Zeit können wir nicht beeinflussen, sie ist eigenständig, losgelöst von allen menschlichen und unmenschlichen Handlungen. Was würde die Menschheit wohl daraus machen, wenn sie auch darauf noch Einfluss hätte? Eine Unzeit? Entspricht eigentlich dem, was wir heute haben – eine weltgeschichtliche Zeit, die eigentlich so gar nie hätte eintreten dürfen. Eine Urzeit? Die liegt weit hinter uns, zerstört und belächelt. Eine Auszeit? Könnten wir uns eh nicht leisten. Eine zeitlose Zeit? Die Zeit in unserem Verständnis entspricht Jahren, Tagen, Sekunden, Jahrtausenden, wie auch immer, messbar, aber nicht veränderbar. Unterteilt in Einheiten, die wir erfassen oder zumindest ausdrücken können, sie ist menschgemacht, d.h. wir nennen „es“ Zeit, wir unterteilen „es“, wir berechnen „es“ usw. De facto ist die Zeit zeitlos, weil sie unendlich ist.
Die Zeit g e h t vorbei: Die Betonung auf dem Verb verleiht der Aussage Nachdruck, so, als müsste man einen Unwissenden oder Ungläubigen davon überzeugen, dass es tatsächlich so ist. Spontan kommt mir da ein Mensch in tiefster Trauer in den Sinn, in einem Abschnitt des Lebens, da sich jede Minute qualvoll in Ewigkeiten zu steigern scheint, da es unmöglich erscheint, dass jemals wieder so etwas wie Normalität eintreten soll. Die Zeit könnte aber auch fliessen, rutschen, huschen und was weiss ich alles. Es ist wiederum die menschgemachte Anwendung, dass die Zeit eben geht und nichts anderes tut. Sie wird sozusagen vermenschlicht – denn was anderes geht ausser allem, was sich irgendwie selbständig auf einigen Beinen fortbewegen kann? Absolut nichts. Wie also kann die Zeit gehen?
Die Zeit geht v o r b e i: Richtungsorientiert. Vorbei an was? An uns, an unseren Handlungen, die damit in Vergessenheit geraten können oder sollen und sich so in Selbstjustiz rechtfertigen? Egal, was wir anstellen, die Zeit wird’s schon schaffen? Ist es eben dieses Bewusstsein um die Unendlichkeit, um die Geringfügigkeit des eigenen Lebens in Anbetracht dessen, was die „Zeit“ schon alles hervorgebracht und überstanden hat, das uns glauben macht, dass nichts so falsch, so schlimm oder so gravierend sein kann, als dass es die Zeit eben beeinflussen könnte? Vorbei im Sinne von nur tangieren, bloss an der Peripherie berühren? Wie wäre es mit „die Zeit geht mitten durch“? Mitten durch die Jahrhunderte, mitten durch unsere Köpfe, mitten durch unser Sein? Würde die Zeit so nicht viel eher die Bedeutung erhalten, die ihr eigentlich zusteht? Sozusagen der rote Faden, der sich durch alles hindurch zieht, von einst über heute zum morgen, der verursacht, dass alles zusammenhänglich wird?
Beeindruckend. Nicht? Aber natürlich möchte der Delavy diese Vorgaben noch toppen, will heissen übertreffen. Und dies geht leider nur, wenn ich meinen Gedanken absolut freien Lauf lasse, denn wenn ich krampfhaft versuche, dieses Unterfangen erfolgreich abzuschliessen, muss ich scheitern am Ansatz. Also, es geht los:
Die Zeit geht vorbei: Der ganze Satz ist eigentlich irre, denn nichts stimmt daran, philosophisch gesehen. Wir wissen nicht, was Zeit ist, sondern wir haben uns einen Begriff davon gezimmert, zuhanden der Menschenrealität, eine messbare Zeit erdacht und ihr den Namen "die Zeit" gegeben, mit Unterteilungen: Sekunden, Minuten, Jahre, Jahrhunderte, Erdenzeiten in der Gesamtevolution unseres Seins. Doch allein schon die Frage: Was hatte Proust gemeint mit "Recherche du temps perdu", bringt uns an den Rand dieses Zeitbegriffs, denn literarisch ist ein Leben und die Suche nach dem Sein immer noch weitgehender interpretierbar, bis hin zum baren Wahnsinn, zur Frage, ob und wann ein Urknall möglicherweise stattgefunden hat und wann diese unsere Welt, eventuell ein Universum unter vielen, wieder in sich zusammenfallen wird. Die Zeit als solche kann definiert werden als: Alle Faktoren, die zusammenwirken, damit sich der Körper eines Menschen fortlaufend verändert und genmanipuliert wird, von der Natur, ohne unser Dazutun, denn der Mensch ist nie derselbe, er ist immer in Veränderung, immer einer anderer, überirdisch gesteuert von einem ungeheuer grossen Gedanken, im Hintergrund allen Seins. Und dieser Fortgang, im Menschen, in der Natur, im All, diese Veränderung muss einen Massstab kennen und dieser Massstab nennt man: "Die Zeit". Und weil diese Zeit nicht stillstehen kann, weil sonst auch alle Evolutionen stillstehen würden, ist sie in Bewegung und diese Bewegung reduziert der Mensch in seiner Einfalt auf das Wort "gehen". Die Zeit "geht" nirgends wohin, sondern sie "ist", oder - ohne dass wir dies je wissen könnten - sie "ist nicht". Es existiert dann eben keine Zeit. Hier kommt der Moment, wo ich gelegentlich beim Denken glaube, ersticken zu müssen, wahnsinnig zu werden.
Das Gleiche passiert mir bei ausserordentlich hochgeschraubten Denkbemühungen in Bezug auf "Gott, Urknall, Ewigkeit, Unendlichkeit, Universum". Hier sind wir Menschen mit unseren Gehirnen am Anschlag, kommen nicht weiter. Trotzdem versucht die Philosophie immer weiter zu dringen, während sie die oberflächlichsten Gründe für unser tägliches Chaos nicht begreift. Wenn der Mensch prädestiniert wäre, alles zu verstehen, auch die Zeit, dann wüsste er, dass die ganze Wirtschaft in einem Weltkollaps enden wird, wenn die mit der Zeit entstandenen Billionen von Verschuldungen nicht mehr rückzahlbar werden. Was hat die Zeit damit zu tun? Vieles, fast alles. Ohne die täglichen monumentalen Neuverschuldungen über ein lange Zeit, wäre die Wucht des Geschehens nicht zu begreifen, dann wenn es passiert, und noch weniger würde man die Nachhaltigkeit hinweg über mehrere Generationen, nach dem Kollaps, verstehen.
Doch zurück zur Zeit als solches: Die Zeit geht also vorbei, doch alles sind sinnbildliche Worte: Das Wort "Zeit" ist praktisch unverstehbar, das Wort "gehen" ist nur eine Metapher für eine Bewegung, von der wir fast nichts wissen und als Gag kommt noch das Wort "vorbei" in die Zeilen, womit sich die Verwirrung ins Unermessliche steigert, weil wir nicht verstehen, ob dieses "vorbei" örtlich, zeitlich, sinnbildlich, konkret, abstrakt, esoterisch oder philosophisch gemeint ist. Je nach Interpretation könnte man jetzt ein ganzes Buch über diese Begriffe schreiben, ohne der Realität auch nur einen Hauch näher gekommen zu sein.
Hier will ich es bewenden lassen, denn die ganze Studie beweist erneut, dass wir die Relativitätstheorie von Einstein eigentlich nie ganz begreifen werden und damit auch seinen Zeitbegriff, dass wir hier in dieser Welt auf dem Planeten Erde verbleiben werden in alle Ewigkeit und dass wir deshalb nur ein Ziel haben müssen: Nicht zu verstehen was Zeit ist, doch alles verstehen zu wollen, wie die Erde mit ihrer Missfracht, einer grössenwahnsinnig gewordenen Spezies, weiterleben kann, hinein in eine Zeitrechnung, die allein von Menschen für Menschen gemacht worden ist. Schon auf einem anderen Planeten würde der Begriff der Zeit schon ganz anders interpretiert werden, sofern er dort überhaupt von Bedeutung wäre, so wie er wohl keine Bedeutung hat im Bewusstsein von Tieren und Pflanzen in unserer Welt, wie man leicht beobachten kann in der gelebten Wirklichkeit. Wir müssen zurückfinden zur kritischen Vernunft, zu menschlicher Bescheidenheit, indem wir begreifen, wie viel Zeit uns noch bleibt für einen Neuanfang des Denkens.