René Delavy

DIE SCHWEIZ - Kein Märchen

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DIE SCHWEIZ - Kein Märchen


Liebe Redaktoren


Sicherlich haben Sie noch Platz für diese Darstellung der Schweiz, in Zeiten der literarischen Aufarbeitung unseres Heimatlandes:

DIE SCHWEIZ - Kein Märchen

Ich fühle mich dermassen als Weltbürger, als Kosmopolit, als Teil eines Ganzen dieser Erde, dass ich die Schweiz nie zum Thema machte, bisher, ganz automatisch, ein Reflex, ich sehe sie nicht, obschon ich in ihr lebe. Es ist eine Art von geistigem Exil, ich bin drin und doch nicht drin. Alles eine Frage der Gewichtung der gelebten Realität.

Diese Überlegung kommt mir umso mehr in den Sinn, als es heute wieder modisch geworden ist, lange nach Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, dass die Schweizer Literaten (und sogar Russen!) sich um dieses, mein Heimatland kümmern. Indem sie es durchwandern, erwähnen sie gleichzeitig, wie andere berühmte ausländische Schriftsteller einst diese Schweiz bewanderten und diese wahrgenommen hatten, und dabei sondern sie ihre eigene Wahrnehmung über die Beschaffenheit dieses Landes ab. Oder sie beurteilen die Schweizer Literatur in bezug auf jene Bereiche, wo sich die Schreiber mit ihrem Heimatland beschäftigten, klettern statt lesen oder auch umgekehrt, je nach Charakter, obschon sie diesem, zum Teil wenigstens, den Rücken zugekehrt hatten, ins Ausland zogen, um dann als Rückkehrer plötzlich die Schönheit der Alpen oder der Demokratie zu entdecken. Andere verglichen die Schweiz mit einem Gefängnis, wo alle Bewohner gleichzeitig Wärter und Gefangene wären, oder mit einer grossen Bank, wo alle nur daran denken, wie sie sich am Mitmenschen, vorzüglich aus dem Ausland kommend, bereichern könnten.

Dabei: Was soll an der Schweiz, einmal abgesehen von der einmaligen Alpenwelt und der Vielfalt der Landschaften, so grossartig sein? Andere Länder haben auch Landschaften, andere Länder haben auch Demokratie und andere Länder haben auch eine Armee. Wozu diese Aufregung über den "Sonderfall Schweiz"? So gesehen hätten sämtliche Nationen der Welt ein Recht auf ihren eigenen Sonderfall. Erstaunlich nur, dass dieser alpine Sonderfall schon siebenhundert Jahre dauert, in der heutigen Form und Grösse allerdings lediglich seit etwas mehr als 150 Jahren.

Und die humanitäre Schweiz? Ein Zufall. Henry Dunand hätte genau so gut in Frankreich geboren worden sein. Auch der liebe Jean-Jacques Rousseau war kein typischer Schweizer. Kein international berühmt gewordener Schweizer war je ein typische Schweizer, die Nobelpreisträger der Wissenschaften einmal ausgenommen. Die Schriftsteller und Philosophen hatten ihre Wurzeln in den Alpen und den Kopf im Firmament, nur so lässt sich offenbar Hohes denken.

Man soll sich seiner Wurzeln bewusst sein, kein Mensch kann leben ohne eine Heimat und wer von ihr vertrieben worden ist, leidet ein Leben lang wie ein Hund, ja, sogar mit seinen im neuen Land Geborenen seines eigenen Fleisch-und-Blutes hat er insgeheim Mitleid: "Wie kann man nur fröhlich sein in diesem fremden Land?" Heimatlos zu sein ist ein Literatenschicksal, deshalb nämlich, weil Schriftsteller immer sehr schwer über ihre "condition humaine" nachdenken - und sich aus diesem Grund mit dem eigenen Leben schwerer tun als andere, was ein Segen ist, in die Tiefe des Daseins absinken zu können, doch gleichzeitig ist das Leiden gross, denn die Wahrheit erträgt beinahe kein Mensch und deshalb ist die Masse an geistiger Verdrängung etwa so gross, wie die schwer überschätzte Menge an Wasser und Luft auf dieser Erde vergleichsweise klein ist.

Es ist kurios, wie der Schweizer seine Eigenständigkeit verteidigt. Er will seine Unabhängigkeit, seine Neutralität, seine Freiheit mit Klauen und Zähnen verteidigen und dabei wird er zunehmend blinder. Ein Volk mit sieben Millionen Seelen will sich von einem wirtschaftlichen Europa fernhalten, was durchaus eine gute Einstellung sein könnte. Doch die Illusion, dieser mit uns verbundene Wirtschaftsraum von sechshundert Millionen Menschen würde uns gewähren lassen, so wie wir es gerade jetzt wollen, ist ein Hohn.

Schon längstens werden bilateral alle Regeln in Europa auf die Schweiz übertragen und kein Schweizer des Konservatismus scheint dies zu bemerken. Der Verdrängungsprozess ist so gross, dass dieses "Mit-sich-selbst-beschäftigt-Sein" irreale Dimensionen erreicht hat, wenn wegen eines Bundesratssitzes ein Streit von allen politischen Parteien vom Zaun gebrochen wird, die Zeitungen und TV-Schirme füllt, und dann wird bei einer Gemeinschaftsparty aller Parteien innert Stunden entschieden, wie diese Wahlen zu organisieren sein werden. Man verzeihe mir diesen rudimentären Ausbruch aufs Lokale, doch diese Textstelle demonstriert die ganze Kleinheit im Denken des Schweizers, vor allem der Schweizer Medienlandschaft bei der Darstellung irrelevanter Tatbestände. Doch diese geistige Selbstbeschränkung auf seine eigene Nation soll bekanntlich ein Weltphänomen sein, man schaue in der Fremde nur einmal die dortigen Tagesschauen am Fernsehen.

Noch weit schlimmer ist die Illusion des Schweizers, sein "Bankgeheimnis" (ein Geheimnis, das selbst die Banken nicht verstehen) bewahren zu können, sozusagen einen Teil des Weltvermögens verwalten zu können, gegen den Willen aller Staaten, die dabei die Opfer von Steuerbetrug und -hinterziehung werden und jedes Jahr Milliarden verlieren. Obschon diese Reise des Selbstbetruges und der unanständigen Bereicherung mittels reichen und unethischen Leuten des Auslandes eigentlich schon längenst beendet gehört, tun die Behörden und die Medien in diesem unseren Lande so, als wenn wir ein Recht auf Beschiss der Gesamtwelt hätten, ein Artenschutzprogramm für Diktatoren und Dreckhirne, die während Jahrzehnten ihren Diebstahl am eigenen Volk in der Schweiz absondern durften - und wehe, ein Schweizer erwähnte den Missstand, er war ein "Nestbeschmutzer" und gehörte eilends in einen Eisenbahnwagen mit Billet "Moskau einfach".

Lange war die Schweiz beinahe amerikanischer als die USA, bis dass, ja welch ein Unglück, diese Amerikaner den Schweizern den Spiegel vorhielten über ihr Mitmachertum an Hitlers Deutschtum und Holocaust. Ich verzeihe dieser Schweiz, sie konnte kaum anders handeln, eingeklemmt zwischen den kriegerischen Fronten, aber ich verzeihe das Verdrängungstheater nach dem Zweiten Weltkrieg nicht, dieser falschen Intellektuellen, die nicht einmal merkten, dass sie während Jahrzehnten von den Rechtskonservativen bespitzelt und in Fichen gefasst worden sind. Cincera läuft heute noch frei herum. Und wie steht es heute mit unserem Verhältnis zur letztverbliebenen Hegemonie in der Welt? Man macht immer noch schonungslos die Amis nach, die die Reichen entlasten, ohne damit eine Konsumförderung betreiben zu können. Die falschen Genies an der Wirtschaftsfront, die "Denker des Wachstums" vergessen, dass in Krisen jeder Franken eines Reichen, der trotzt Rezession eine Million Einkommen hat, als Steuersubstrat unverzichtbar ist und nicht noch tiefer besteuert gehört. Und so wird gespart an der Zukunft: Herunter mit der Bildung, mit der Kultur, soziale Anliegen auf Sparflamme, Hausbesitzer sind uns wichtiger als Mieter, man wundert sich: Nicht nur in den USA und in Deutschland wird der nationale Schuldenberg immer gigantischer und die Verschuldungen drohen auf uns einzustürzen, nein, wir Schweizer wollen eben auch und immer noch amerikanisch sein: Her mit immer grösseren Defiziten, gefördert von hirnamputierten Parlamentariern.

Wie lebt es sich in der Schweiz, als Kosmopolit, wenn eine Landesausstellung der kleinkindlichen Darstellung von Realität die Welt epatieren sollte? Man wird beinahe wahnsinnig. EXPO 02, zuerst Expo 01 genannt, dann wegen Geldnot verschoben. Durchgehalten an drei wunderschönen Seen im Westen der Schweiz, bei Murten, Yverdon, Neuchâtel und und und, ja, Biel war da noch. Es werden postmoderne Gebilde aus Stahl, Glas und Plastik aus dem Boden getrimmt, zulasten eines riesigen Defizits im Landeshaushalt, und die Leute werden angehalten, auf Tafeln und Computer ihre Identität zu suchen. Am Ende der Ausstellung wollte ich das wahre Ausmass der Realität der EXPO 02 dem Schweizer Volk vor Augen halten, in einem langen Bericht, der natürlich von allen Zeitungen abgelehnt wurde. Das Gleiche geschieht nun ja auch wieder mit diesem Text, dieser Darstellung einer Schweiz, die so von keinem echten Schweizer zu akzeptieren sein wird.

Leicht nach vorne gebeugt, versehen mit einer Last eines riesigen Heuballens, buckelt der Bauer den Wintervorrat gegen die Not der kalten Jahreszeit in die Tiefe. Weit unter ihm sein "Heimetli", wo seine Tiere, die Kühe, Kälber, Schweine und Schafe weiden, seine Frau den Haushalt bestellt und seine zwei Kinder den Stall ausmisten und die Wäsche aufhängen. Ein Gewitter hängt über der ganzen Gegend, vom Horizont zielen die letzten bunten Sonnenstrahlen unter den Wolken direkt auf seinen Stall. Langsam, Schritt um Schritt, bewegt sich der Bergbauer nach unten, darauf bedacht, niemals einen Unfall zu haben, der seine Existenz und jene seiner Sippe beenden könnte. Endlich kommt er schnaufend unten an, wirft den Heuballen vom Rücken und sitzt an den Holztisch vor dem Haus, die Ehefrau bringt Most, Käse und Brot, sagt kein Wort, schaut liebevoll auf ihren Mann und geht wieder ihrer Arbeit nach.

Alles geht seinen gewohnten Gang, hoch in den Alpen, am Ende des 14. Jahrhunderts, die Welt ist in Ordnung, draussen mögen Kriege toben, Menschen gefoltert werden als Folge von Glaubenskriegen, hier ist die Mitte der Welt, das Auge des Taifuns. Der Bauer isst und trinkt, müde von des Tages Arbeit, sieht das Gewitter immer stärker die Wolken zusammenschieben und nächstens die Sonne verdüstern, bald wird es losgehen, wie schon so oft in diesem Spätsommer, und nun schaut er lange zum Horizont, hinein in die unendlichen Räume des Abendhimmels, spürt die Ewigkeit der Zeit an sich vorüberziehen, erahnt die Gnade und die Furchtbarkeit eines Menschenlebens - und denkt nichts.

Des Schweizers Schweiz.

 

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