René Delavy

Christoph Blocher - Ein Märchen

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Christoph Blocher - Ein Märchen

Christoph Blocher - Ein Märchen


Es war einmal vor langer, langer Zeit. Ein kleiner Morgen, ein richtiges Mörgeli, war soeben angebrochen, Ruhe und Frieden herrschte im Land, da geschah es: "Ich will Bundesrat werden! Ich werde Bundesrat, koste es was es wolle!" Entsetzt stürzte der Vater, ein Pfarrer wie es scheint, in die Kirche und sah den Bub kniend vor dem Altar. Er nahm den Sohn bei der Hand und sprach: "Was phantasierst du daher, Christoph, mein Sohn? Bundesrat? Warum nur?" Christöpheli entwand sich dem Griff und schrie: "In anderen Ländern ist man etwas, wenn man Dichter oder Nobelpreisträger wird. Bei uns zählt nur der Bundesrat."


Viele Jahre später stand Christoph in einem Saal voller gebogener Sitzreihen, hinter ihm ein riesiges Gemälde eines Alpenidylls und schrie: "Ich werde Bundesrat, oder ich werde den Irak mit Krieg überziehen. Ich werde die Abtreibungen verbieten und die Fremden in die Wüste schicken, wenn ihr mich nicht sofort zum Bundesrat macht." Viel war geschehen seit der Zeit des väterlichen Kirchenbesuches und so waren die bleich gewordenen Parlamentarier geschockt und entschieden bei Grissini und Alpenbitter, eine der Bundesrätinnen zu metzgen und an ihrer Statt diesen allmächtigen Staatspolitiker Blocher zu wählen. Hier könnte das Märchen enden, doch die Kinder der Welt sollen sehen, wie es ist, wenn das Schicksal zuschlägt, wenn man seine geheimsten Wünsche verwirklichen kann.


Im Bundesrat angekommen spielte er Aussenminister, bis Madame Ruhende-Königin wieder ins Rampenlicht trat und mit Israel-Konferenzen die internationale Rechtslage beruhigte. Dann wollte er den König selbst entthronen, den allmächtigen Walliser Häuptling Liegendes-Brot, doch der bekam Schützenhilfe von Bundesrat Beiss und mit Beihilfe des Neocons März konnte die Attacke auf den Alpenkonsens abgewehrt werden. Nur der Bundesrat aus Zürich, der Bärenthaler, wollte nicht so recht und bekam ständige Aufrufe zum Rücktritt zu hören. Die Gaudi dauerte länger als ein Sommerloch und der Boulevard, also die gesamte seldwylerische Presse und TV-Landschaft, klopfte sich auf die Schenkel vor heuliger Lustigkeit und aus falscher Scham.


Eigentlich war alles ein Wunder. Wann auch immer der Zufall zuschlägt, ob bei Hitler, Napoleon, George W. Bush oder bei unserem Christoph, es scheint immer nicht so recht mit rechten Dingen zuzugehen. Nach seinem Studium des Rechts kam dieser Glückpilz in die Fänge von Machtmenschen, die eine darnieder liegende Fabrik in einem stillen Tal wieder auf Vordermann bringen wollten. Sie entdeckten diesen Tatmenschen Blocher, kreditierten ihm einige Aktien und machten ihn zum Fabrikführer. Daselbst mischte er chemische Mittel ineinander und erfand Knallfrösche. Es geht die Sage, dass einer davon in seinem Hirn explodiert sei, doch dies ist eine Lüge. In Tat und Wahrheit explodierten dieser Dinge im Kern eines Steuerrads an Fahrzeugen und wenn es knallte, blies dieser Frosch einen Ballon auf und erstickte seine Opfer. Die Geschäfte blühten, Blocher kaufte immer mehr Aktien auf und mit Hilfe der Börsen und deren Phantasien fand er sich eines Tages mit über 2000 Millionen Gulden wieder. Jetzt konnte es losgehen.


Er fand eine Partei, die bisher mit den Bauern und Bürgern und Handwerkern recht lieb verfahren war, doch die Stimmenzahlen an den Wahlen wurden immer jämmerlicher. Nun umgab sich Blocher mit Adlaten, mit einem kleinen Philosophen namens "Kleiner-Morgen", dingte einen Bauer an, der auf den Namen "Ueli der Maurer" horchte, und heuerte zum Zweck von Volksaufhetzungen einen heruntergekommen Cartoonisten an, der schauerliche Bildchen erfand zwecks Warnung vor allem Bösen: Scheinasylanten, Scheininvalide, Scheinheilige und Scheinbauern. Damit und mit seinen Millionenbeiträgen an die Presse und Partei hatte er Erfolg. Binnen kürzester Zeit war seine SVP, genauer "Saufhaufen Volksverhetzender Plödiane", die stärkste Partei seines zu klein geratenen Stammlandes.


Sein Feindbild war eine andere Grosspartei, die SPS oder "Sozialdemokratische Partei Seldwylas". Blocher hasste diesen anderen politischen Sauhaufen fasst noch mehr als die Scheinasylanten und so ging er zum Philosophen Kleiner-Morgen und sprach: "Mein lieber Mörgeli, mach etwas. Schlag die SPS in die Pfanne, mach sie ganz klein, rot und tot. Hast du eine Idee, wie das gehen könnte?" Der Dorfphilosoph sann einige Sekunden und sprach: "Wir haben kein gutes Image im Lande. Alle merken allmählich, dass wir eine nationalsozialistische Rechtspartei der falschen Versprechungen sind. Dieses Image übertragen wir nun auf die SPS. National-SOZIALISTISCH! Der Name sagt es. Die Sozialdemokraten sind die wahren Nazis, nicht wir!"


Beglückt verlangte Blocher nach einem Pamphlet von dreissig Seiten zum Thema, legte es ohne Widerstand des Staates oder der Presse allen Zeitungen des Landes bei und gewann damit noch einige linke Stimmen der Entrechteten und Arbeitlosen hinzu zu seinen rechten Phantasten. Das Ganze wurde vom Chefsozi Pierre Terre-Homme aus Brig sanktioniert, weil dieser noch nie etwas von ethischer Politik des Sozialistischen verstanden hatte. Er war und ist heute mit Blocher immer noch der Meinung, dass die Bauern der Schweiz zu Unternehmern mit Billigprodukten mutieren sollten und damit wird er von hinten gedeckt durch sein heimliches Mörgeli-Idol. Es ist wie bei der rhetorischen Freude über die Billigfliegerei für die Massen: Alles wird einer kurzsichtigen, die Umwelt vernichtenden Vermarktung der Restressourcen dieses Planeten geopfert, sehr zum Schaden der Atemwege und anderer Kleinigkeiten zulasten unserer Spezies. Links und rechts vereint im Wahn, die Realität auch ohne Märchen zu täuschen.


Als Kunstmäzen war dieser Blocher auch nicht geizig. Wer zu leicht bekommen hat, spielt gerne das Genie. Von wirklicher Kunst verstand er zwar kaum etwas, doch wenn sein Geld Anker warf, war die Heimatliebe sein Antrieb. Zwar vernichtete er damit das Ansehen dieser verstorbenen Künstler, doch in seinem Heimetli über dem See, in seiner Burg über dem Tal, an seinen Kunstausstellung für kleine Bürger hingen die idyllischen Menschentrüppchen des schönen Scheins und die Öffentlichkeit verdankte ihm die Spende. Das Feuilleton tat, was es seit dem Fräulein- und Marthaler-Wunder immer tat: Sie feierten die Falschen und verdammten die Richtigen. Vom Wahn der falschen Wahrnehmung war kein(e) Bürger(In) gefeit in diesem unserem Lande der stillen Andacht, kurz vor Ausbruch des Weltchaos.


Doch sein Machthunger war noch nicht gestillt: Er machte sich gemein mit dem Grosskapital, genauer gesagt, mit Martin dem Eber. Der Name sagt es, eine casino-kapitalistische Wildsau. Und so machten sie Jagd auf Alpenbauern, entsorgten deren Kleinerspartes, luden sie ein, ihr Heimetli mit Hypotheken zu belasten und versprachen irre Behrling-Dividenden. Der Trick gelang. Man kaufte Riesenpakete von Konzernen, drohte mit Milton Friedman, destabilisierte alle diese Betriebe zum Zweck der Gewinnmaximierung und verlor damit die Investitionen der Pensionskassen, der gierigen Banker, der Eliten mit ihrem Zuviel-Geld sowie und vor allem die kleinen Ersparnisse der eigenen Wählerschaft. Betraft wurden weder Ebner noch Schiltknecht noch Blocher; ganz im Gegenteil, die einen wurden Milliardäre und verlumpten wieder, während der stille Drahtzieher im Hintergrund seine Milliarden behalten durfte. Und die Jurisprudenz eines dem Kapital und den Eliten hörigen Landes ging für lange Zeit vor die Hunde - bestraft wurden nur noch Asylanten und Taschendiebe, während die NZZ von Ebner-Schildknecht eine neue Show des gigantischen Diebstahls einforderte.


Dafür wollte er jetzt die Steuern senken und den Staat in Konkurs treiben. Seine Losung: Wir wollen mit Defiziten wie dereinst Reagan, Thatcher und Bush den schmalen Staat überschulden - und dann haben wir kein Geld mehr für die Subventionen meiner Wähler, vor allem für die tumben Bauern, und kein Geld mehr für die Renten der Kleinbürger, die mir scharenweise zugelaufen sind, weil ich eben die noch Deprivierteren, die Scheinasylanten zur Gaudi der Kleingeister in die Pfanne gehauen hatte. Mit ranzigem Speck und Schocktherapie gewinnt man die Angsterfüllten, die um ihren Job bangen.


Der Erfolgsflug hätte ewig so weitergehen können. Doch leider blieb die Charaktereigenschaft des Krakeelens vor Altären aus der Bubenzeit vorherrschend und das irre Schreien vor Menschenansammlungen blieb auch als Bundesrat nie aus. Er wollte niemals zu Europa gehören und liess gleichzeitig alle mühsam erarbeiteten bilateralen Verträge verdammen, predigte Sicherheit vor Terror und lehnte ebenso die Informations-Vernetzung mit Europa ab, wollte Defizite erzeugen, aber die Zeche als Folge dieses Wahns zulasten seiner Bauer und Rentner nie bezahlen. Dies waren die Hauptkennzeichen von Blochers Interregnum und es konnte nicht gut enden. Er wollte immer den Fünfer und den de Weck - und die Billionen der Steuerflüchtigen der Welt zugunsten der Eliten seines Landes dazu. Irgendeinmal krakeelte dieser Blocher vor dem falschen Gremium, wie dereinst Berlusconi oder Bush, und stürzte von seinem Thron. Man musste ihn politisch raschestens entsorgen. Ein Börsensturz erledigte den Rest. Blocher riss ein letztes Mal seinen gewaltigen Unterkiefer auf, wollte seine Feinde zermalmen, strauchelte, stürzte - und biss ins Gras.


Gross war die Bestürzung im Lande. Die AUNS, die "Auch-uns-gehört die Welt", verlangte drei Trauerwochen. Die NZZ, genauer "Neurotischer Zunder des puren Zynismus" schrieb heuchlerische Nachrufe und der Gesamtbundesrat mimte nationalsozialistisches Unglück. Noch einmal machten die Machtmenschen des falschen Scheins ein Fass auf und wussten noch nicht einmal in ihrem Einbruch, dass dereinst alle Fakten auf den Tisch kommen werden. Vor der nicht zu unterwandernden Historienforschung macht die Wahrheit nie halt und so werden wir eines Tages vor kleinen Würstchen des Kleingeistes stehen, die ein ganzes Land in die Solidarhaft ihres unendlich kleinen Denkens nehmen konnten. Ein irrealer Kleindenker hat das Zeitliche gesegnet, ein Mensch der ganz besonderen Art, der dieser Alpenidylle mehr schadete als jeder andere Politiker oder Geldmensch Seldwylas zuvor.


Kinder, denkt daran, wenn ihr dieses Märchen zu Ende gelesen habt: Seid immer wachsam. Nie solltet ihre eure Normalität, eure Denkkraft in die Irre leiten lassen vom holden Schein des Belanglosen. Lernt das Wesentliche vom Dummen zu unterscheiden, traut keiner NZZ, keinem Murdoch, keinem Berlusconi oder Schawinski. Lest gute Literatur, nämlich die Meine (ich darf es doch auch einmal lustig haben, oder?) und lasst euch von keinem Versprechen auf ein besseres Leben einlullen, wenn man die Schwächsten und Wehrlosesten einer Gesellschaft an den Pranger stellt und sie als Sündenböcke kreuzigen will, anstatt die Mächtigen als Verursacher des ganzen Chaos zu orten. Lasst euch niemals blenden von einer Scheinintelligenz des Blöden.


Ein frommer Wunsch? Ja, Freunde, nach Dürrenmatt und Frisch bleiben uns nur noch zweitklassige Dichter und fromme Wünsche übrig in Seldwyla.

 

Dafür habt ihr jetzt ein schönes Märchen geschenkt bekommen.


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